Ein Mal die gro?e Inspektion
Samstag, 1. November 2008
Mit Auswuchten und Spur einstellen

ImageWer denkt schon, er sitzt gut auf dem Rad? Ich eigentlich schon, immerhin bin ich in der Summe schon zweimal um die Erde geradelt. Und ich sitze immer schon so, das muss einfach passen. Sprach‘s und fährt mit seinem Rad zu Oliver Elsenbach. Der Sportwissenschaftler hat sich gerade erst mit seiner Idee selbstständig gemacht, Radsportlern, Triathleten, Läufern  und alle übrigen Sportlern mal gescheit die Spur einzustellen.

Und so kam ich mir auch wie ein guter Gebrauchter vor, als ich das Büro von KOM Sport betrete. Außer mir wartet noch Reymund auf seine Begradigung. Er sollte für Elsenbach die größere Herausforderung sein, denn mehr durch eine flachsige Bemerkung seiner Frau kam vor über 20 Jahren heraus, dass sein rechtes Bein über zwei Zentimeter kürzer ist als das andere.

ImageKurzer Handshake und rauf auf die Hebebühne mit uns beiden. Zunächst begutachtet Mechaniker Elsenbach mal unsere Schlappen, also die Radschuhe, und besonders die Einlegesohlen. Und dann macht er das Geräusch, das man vor allem vom Handwerker nicht hören möchte. HHmmmm!! Sagt er und biegt meine Füße in jede Richtung. Kurzer Blick von unten auf unsere Schuhsohlen – zwei drei Punkte und Striche auf zumindest meinem Schuh später die Erkenntnis, beide viel zu große Schuhe gekauft, dadurch die Linie der Fußballen viel zu weit vor der Pedalachse. Au dem Bild erkennt man alte und neue Position vom Cleat.

Dann jagt er uns beide über einen Scanner, der wohl auch die Druckverteilung an den Sohlen messen kann. Das Bild im PC zieht er immer wieder zum Vergleich ran. Die folgende Prozedur dauert ungefähr eine dreiviertel Stunde pro Nase (normalerweise widmet sich Chefprüfer Oliver immer nur einem Kunden). Elsenbach wirbelt um Reymund und mich rum, drückt hier, biegt da, legt simple Plastikkeile unter unsere Füße, schneidet Korkmatten zurecht, schraubt an unseren Rädern rum, setzt Punkte auf Sattel, Schuhen und Oberrohr.

ImageUnd dann steht‘s fest. Ich sitze total schief, bin stets wie durch eine Linkskurve gefahren und hätte meine Knie vielleicht durch zu kurzen Nachsitz irgendwann mal ruiniert. Das Urteil über Reymunds Problem hört sich dagegen deutlich harmloser an als erwartet.

Während er im Stand noch deutlich größere Ausweichbewegungen machen musste, um seine Verkürzung auszugleichen, sitzt er auf dem Rad wie eine Eins. Kaum Korrekturen, während Elsenbach beim Vermessen meines Nachsitzes bald die Krise kriegt. Zwei Punkte auf dem Oberrohr und das Lot zum Tretlager verraten es: „Viel zu weit vorne und das linke Knie ist noch fast zwei Zentimeter weiter vorne als das rechte.“

ImageReymund dagegen gleicht die zweieinhalb Zentimeter Beindifferenz gekonnt aus. Einmal darauf aufmerksam gemacht sieht man die schiefe „Spur“ auch selbst im Spiegel. Während der „TÜV-Prüfer“ Elsenbach nicht mit Bleigewichten wie beim Auto, sondern mit verschiedensten Unterlagen unter den Füßen versucht, die Körperachse in die laut göttlichem Bauplan richtige Lage zu bringen, erklärt er immer genau, was und warum er da gerade an meiner und Reymunds Karosse macht.

Und dann die Offenbarung: Im Stand sollen wir beide den Arm zur Seite ausstrecken. Elsenbach stützt sich mit vollem Druck auf die Hand – natürlich kann keiner von uns das halten. Dann schiebt er die vorher ausgetüftelten Keile und Korkplättchen unter unsere Füße. Gleiche Prozedur: ich hab das Gefühl, er könnte sich jetzt auch auf meine Hand setzen und noch ein Fass Bier mitnehmen, ich kann das ohne Probleme halten. Auch Reymund kann den Druck des vor Spannung zitternden Elsenbach kontern. Wir schauen uns kurz an, gucken rüber zu Reymunds Frau, die inzwischen dazu gestoßen ist. Ungläubiges Kopfschütteln. Das war’s? „Stabilität im Körper“ lässt der unbeeindruckte „Hexer“ lapidar fallen. „Das ist alles!“

Auf mein Nachbohren erklärt Elsenbach, er habe inzwischen rund 500 dieser Vermessungen gemacht und könne mit dieser Erfahrung Unstimmigkeiten im Körper sehen und die recht schnell und einfach austreiben. Spur einstellen – sag ich doch. Dafür reichte sein Studium zu Diplomsportwissenschaftler jedoch nicht aus. Zahlreiche orthopädische Zusatzausbildungen hat der Jungunternehmer hinter sich. Und eher beiläufig erwähnt er, dass er schon einen Großteil des Teams Milram und die Damen des Highroad Columbia Teams in dieser Weise ordentlich aufs Rad gesetzt hat.

ImageDas will schon was heißen, wenn sich ein Fothen, Eichler oder Roels in ihre Sitzposition reinreden lassen. Und sogar Sprintrakete Gerald Ciolek geht bei KOM Sport ein und aus. Die Arbeit an der Sitzposition ist auch noch lange nicht alles, was die junge Firma bietet: Ein neues Betätigungsfeld ist zum Beispiel die Elektrostimulation oder die spezielle Behandlung von Sprintleistung. Im Auftrag von KOM Sport fertigt Sebastian Klaus derzeit ein Studie an, die beweisen soll, dass mit den Einlagen auch und vor allem die Sprint- also Maximalleistung gesteigert werden kann. Ergebnisse sind im kommenden Frühjahr zu erwarten. Da es sich dabei um Sebastians Diplomarbeit handelt, besteht traditionell Bedarf an Probanden.

Wer also einen Beitrag zur Forschung liefern will, kann sich bei Sebastian Klaus melden (siehe unten). Schon im Sinne der Wissenschaft und im eigenen unterwegs ist Dominik Roels. Der Senkrechtstarter testet derzeit eine Positionierung der Schuhplatte am Mittelfuß, mit Sicherheit furchtbar zu fahren aber spart den Sauerstoff, den die Waden sich andernfalls genommen hätten. Die müssen die Kraft aus Po und Oberschenkel dann nicht mehr aufs Pedal weiterleiten, sondern fahren quasi nur noch mit. Bis zu diesem Termin habe ich stets die älteren Herren belächelt, die mit im Pedal eingehaktem Absatz gemütlich durch die Stadt gegondelt sind, jetzt stellt sich raus, die sind mehr up do date als ich und wir alle!

Die erste Fahrt mit „TÜV“

„Du wirst Dich sicher erst umgewöhnen müssen, aber alleine die neue Position der Cleats und der Keil im Schuh sind eine Welt!“ Dass zwei Millimeter im Leben viel ausmachen können, wissen nicht nur Chirurgen. Aber, dass zwei Millimeter provisorisch geschnittener Kork mir mehr Druck bringen sollen, das bedurfte einer Überprüfung – will heißen Hausrunde Richtung Belgische Grenze. Eine Strecke wie ein Strich, topfeben und schnurgerade- zum Testen perfekt.

Wow – der Unterschied ist wirklich unfassbar. Das letzte Mal hatte ich solch ein Gefühl beim Einstellen eines Fernsehsenders: Man dreht und dreht, das Bild bleibt grisselich. Und mit einem Male, es passt, kleine Bewegung mit großem Effekt, als wenn eine Tür ins Schloss fällt. Die Position ist vor allem nicht so eine halbdefensive Schonhaltung, mein Rücken ist pfeilgerade und richtig tief. Und das obwohl Elsenbach mich einen noch längeren Vorbau empfohlen hatte.

ImageEr kommt halt unverkennbar vom Rennsport. Als erstes fällt mir auf, dass ich mit Stellen den Sattel berühre, von denen ich noch nie etwas gespürt hatte. Könnte das damit gemeint gewesen sein, als mein Mechaniker sagte: „Du belastest jetzt die Richtigen Stellen am Becken!“ Die Bewegung ist anfangs noch unrund. Durch die extrem zurück versetzte Position des Sattels und die genauso konsequent verschobenen Cleats komme ich mir vor, wie ein koordinatorischer Krüppel.

Ich muss erst ganz neu die Punkte zum Umsetzen finden. Viel zu früh wollen meine Beine wieder Richtung Teer treten. Am unteren Totpunkt ziehe ich nach oben, die Kurbeln erlauben aber erst einen Zug nach hinten. Den hab ich früher nie gemacht. Angenehm dagegen gleich von Anfang an: Durch die neue Lastverteilung brauche ich kaum noch Stützkraft am Lenker. Man kann die Hände vom Unterlenker nehmen und in gleicher Position freihändig fahren. Das System scheint echt stabiler zu sein, und das deutlich.

Fast erschreckend, wie genau Elsenbach das alles voraussagen konnte. Nach zwanzig Kilometern sieht auch meine Tretbewegung nicht mehr wie ein Quadrat aus. Gut dann „Kapelle“, heißt großes Blatt, kleines Ritzel und Schub. Und wieder das Gefühl, alles passt irgendwie auf einmal. Gut mein reichhaltiges Frühstück begrüßt bei jedem Tritt einen Oberschenkel, aber Luft bekomme ich ganz gut, trotz Tieffliegerhaltung. (KOM Sport hat im Übrigen schon Profitests zur Sitzposition gemacht, bei der die Sauerstoffaufnahme in Abhängigkeit zur Sitzposition gemessen wurde.

ImageDas CM durfte die Werte eines Milram-Profis sehen und war überrascht. Vom schlechtesten zum besten Wert verschoben sich die Werte deutlich Richtung dem aeroben Fettstoffwechsel. Für Experten: der RQ senkte sich um 0,08) Zurück zur Fahrt:

Ohne Tacho könnte ich jetzt nicht sagen, ich bin deutlich schneller geworden. Aber ich spüre deutlich, dass es einfacher ist, die Kraft auf die Kette zu bringen. Kein Druckgefühl hinter den Kniescheiben, alle Muskeln brennen gleichmäßig, nicht wie sonst erst die vorderen Oberschenkel, dann die Waden usw. – bin ich nach 80.000 Kilometern das erste mal gerade auf dem Rad? Zumindest kippen meine Knie selbst bei Erschöpfung nicht mehr wie früher nach außen. Kontinuierlich knüppele ich gegen meine Belastungsgrenze.

Mist – die ist immer noch da, also zaubern kann er doch nicht. Aber das Gefühl nicht lokal fertig zu sein, sondern alle Muskelstränge gleich ausgelutscht zu haben, ist sehr befriedigend. Zumindest hatte ich den Eindruck, der Punkt, wo es zu Ende geht mit meinen Kräften, wäre nicht so abrupt gewesen, sondern wie eine Regentonne, die langsam voll läuft.

ImageNach dreieinhalb Stunden hat meine Wohnung mich wieder. Ich bin müde, aber spüre keine lokale Verspannung in den Muskeln. Danke Oliver! Der untere Rücken ist zwar etwas angeschlagen, aber das hatte Elsenbach auch prognostiziert, nicht ohne mich wegen meiner geringen Beweglichkeit zu rügen. Wir Radfahrer nehmen‘s mit der Dehnerei halt viel zu ungenau! Werde dran arbeiten.

Jetzt bin ich auf meine Einlagen gespannt, gegenüber den Provisorien sollen die nochmal „eine kleine Welt bringen“.

Der Einlagen neues zu Hause
Als klar war, dass ich die Dienste von KOM Sport in Anspruch nehmen würde, und dass ich ab sofort mit Einlagen radfahren würde, sollten die neuen edlen Helferlein auch einen würdigen Platz bekommen. Bei der Suche nach einem optimalen Schuh für mich bin ich wie immer gescheitert. Später bestätigte auch Olli Elsenbach, dass es kaum oder gar keine richtig durchdachten Schuhe gibt.

Meine sollten breit genug sein für meine Schwimmflossen, eine echt stabile Sohle haben, dass mir beim Spurten ja kein Watt verloren geht und sollte einen ausreichend hohen Schaft bieten, dass unter dem Spann auch noch die Einlagen ihren Platz finden. Und noch eine Voraussetzng war Pflicht: Wie nur noch wenige Verbohrte halte ich an den SPD-R Platten fest, die sind aus Metall und halten jeder Zugkraft stand. Leider benötigen sie zwei hintereinander liegende Löcher, das haben nur noch wenige Schuhe.

ImageDer erste Kandidat, der in Kategorie Passform und Gewindeplatzierung einen Haken bekam, war der RoadMartin von 2Danger, das ist eine der Hausmarken von Versender und Mega-Marktkette BOC. Die Sohle aus etlichen Lagen Carbon lässt sich mit den Händen im Gegensatz zu einem Joggingschuh z.B. nicht mal ansatzweise verwinden. Diese bei Laufschuhen oft beworbene Torsionsfähigkeit wäre bei Radschuhe Garant für einschlafende Füße, weil der punktuelle Druck der Pedalachse die vielen würfelförmigen Knochen im Fuß gegeneinander verschieben würde. Dabei werden dann Nerven und/oder Blutgefäße abgedrückt. Folge wäre kribbelige und kalte Füße.

Und der Schuh hat eine runde Front, lässt also auch Breitfüßlern Platz. Wie sich später herausstellte ist er nicht breit genug, weshalb ich instinktiv zwei Nummern zu groß zugegriffen habe. Dadurch wiederum war es Olli Elsenbach gar nicht möglich, die Schuhplatte weit genug nach hinten zu verschieben, die Proportionen stimmen dann nicht mehr. Aber dafür hat der RoadMartin Platz nach oben. Ohne Einlegesohlen berührt er dadurch beide Knöchelseiten. Auf Dauer würde das unangenehm werden. Fahrer mit hohem Spann und/oder dicken Einlagen suchen aber speziell nach solchen Passformen.

Die obere Schnalle mit Ratschensystem liegt weit genug vom Schienbein weg, dort sind also keine Druckstellen zu erwarten. Mit den beiden andren Klettverschlüssen und dem stabilen Oberschuh hält der RoadMartin den Fuß fest an der Sohle. Diese Steifigkeit von Sohle und Oberschuh macht ihn zu einem nahezu perfekten Werkzeug für Sprinter. Bei der D-Tour hat mir der RoadMartin schon gute Dienste geleistet, dort konnte er auch seine guten Belüftungseigenschaften zeigen, heiße Füße hatte ich jedenfalls nie.

Schönes Detail sind die wechselbaren Gummi-Absätze auf den Hacken, bei drei Nachfragen in drei Filialen wegen Ersatz war man jedoch erst mal bisschen überfordert, scheint noch nicht so oft vorgekommen zu sein. Also rechtzeitig bestellen. Das Ratschensystem wirkt haltbar, die Klettverschlüsse könnte für „ganz dicke Füße“ was zu kurz sein. Das sieht dann unschön aus.

ImageElsenbach kritisiert noch ein Biomechanisches Detail, das jedoch alle Schuhe auf dem Markt nicht wirklich gut lösen: Ideal wäre, wenn die Pedalachse direkt in den Fußballen müden würde. Da aber noch kein Radsportler mit passendem Gewinde im Fuß geboren oder gezüchtet wurde, sollte zumindest die Fußsohle so nah wie möglich daran liegen. Das bedingt eine möglichst dünne Sohle. Die hat der RoadMartin genauso wenig wie alle Schuhe am Markt, wobei es sowohl dickere als auch dünnere Sohlen als die des Martin gibt.

Urteil: Der 2Danger RoadMartin ist ein brutal harter Schuh mit stabilem Verschlusssystem und trotzdem anschmiegsamem Oberschuh. Seine Sohle nimmt alle Pedalsysteme auf und bietet diesen viele Einstellmöglichkeiten, wenn man denn die richtige Größe gekauft hat. Die Form ist breiter als der Durchschnitt aller Konkurrenten, Extremfällen kann aber auch er zu schmal sein.

Der Schaft hält durch seine Höhe extrem fest, kann Fahrern mit flachen Füßen aber seitlich gegen die Sprunggelenke drücken – ideal  für Einlagenträger. Unschlagbar ist der Preis: Das getestete Model ist eine auslaufende Variante, die BOC gerade für 99,- Euro raushaut. Vorher kostete er laut Katalog 159,- Euro. Das neue Model ist bereits auf dem Weg per Schiff nach Deutschland. Technisch wird sich nichts ändern, das Design wurde minimal verändert.
 
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