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F?nfmal ?ber die Grenze
Mittwoch, 8. Oktober 2008
ImageDer Radsport steckt manchmal voller Gegensätze: erst muss ich über die österreichische Grenze, um an einem Rennen der Deutschlandrundfahrt teilzunehmen. Und dann führt der Kurs auch noch durch die wunderschönen Alpen. Das ist aber noch nicht der Gegensatz, der bin ich! Ich kann mit einem BodyMass-Index von mehr als 27 protzen.

Medizinisch gesehen bin ich also fett. Das ist zwar nicht wirklich so, aber mit meinen 82 kg wird mir schon was bange, als die kleine Stadt Fügen am Morgen der Mountain Challenge erwacht. Um sieben Uhr denke ich noch, ich bin falsch. Außer mir und den Mädels von der Anmeldung ist nur die örtliche Bäckerin wach! Und: ich kann ohne anzustehen auf die Toilette. Keine der bekannten Schlangen vor den Türen.

ImageEine halbe Stunde vor Start stehen da grad mal 150 bis 200 Leutchen, fast alle hager und knorrig, wie es sich wohl für das Terrain gehört. Ich kriege es mit der Angst! Gerade hab ich ne Schraube vom Vorbau abgerissen, meine Sitzposition auf dem Testrad ist unterirdisch schlecht und bei Abholung hatte ich unterschrieben, dass ich weiß und einverstanden bin, dass die Strecke wegen zu geringer Meldezahlen nicht vom Autoverkehr befreit wurde. Und als selbst Ex-Profi Georg Totchnik am Mikro Respekt vor der Strecke äußert, die wohl mehr Höhenmeter haben soll, als die Runde der Profis, wird mir echt schlecht.

Drei Pässe in 125 Kilometern, die zusammen über 3.000 Höhenmeter bringen. Steigungen bis über 16%, alles nicht meins, mache ich halt ne Reportage von hinten!

ImageDas Starterfeld ist übersichtlich, trotzdem herrscht eine unglaubliche Hektik auf den ersten Metern. Mir fällt auf, dass am Start die Zeit nicht genommen wird, sondern alle die gleiche bekommen. Könnte mich also auch in die Bäckerei setzen, in zwei Stunden nach Hochfügen ins Ziel stürmen und der erste Sprinter sein, der sich eine Bergankunft sichert.

Aber von was soll ich dann berichten? Also hinterher. Die Strecke führt über Wirtschaftwege aus der Stadt raus. Nett hier, aber verdammt eng. Und als wäre man bei einem Kriterium, verhaken sich gleich mal einige Kollegen sauber mit den Lenkern, kriegen Panik und nehmen gemeinsam Kurs Richtung Stacheldrahtzaun. Um dem zu entgehen, reihe ich mich mal ganz offensiv vorne ein und denke noch, das ist doch dieser Paul Lindner, Mist! Mein Gefühl wird bestätigt, als es nach einer für mich zu kurzen Einrollphase gleich in den Gerlospass geht.

ImageDer ist zwar nicht wirklich steil, glänzt aber mit einer Kontinuierlichkeit, wie ich sie selten gesehen habe. Was die Verpflegungsstelle nach gerade mal 20 Minuten am Fuß eines Passes soll, bleibt Geheimnis von upsolut. Kollege Lindner hatte sich schon mit wenigen Mitstreitern auf den Weg gemacht, war nicht mehr zu sehen, und ich wurde Opfer meiner vorsichtigen Taktik.

Denn ich war immer noch weit vorne, nur dass alle um mich rum knapp 20 kg weniger mit dabei hatten (bis auf eine Ausnahme, um dessen Namen zu merken, mir Blut im Kopf fehlte). Der Berg ist ein Blender, wie oft ich dachte, jetzt sind wir oben? Und immer stellte sich die Frage, weiter mitfahren oder doch was schonen, denn laut meinem ortskundigen Nebenmann namens Hanno (oder so) war das der einfachste von den drei Pässen. Noch steht immerhin das große Blatt, könnte man auch mal runter schalten! Aber das Tempo ist auf den vielleicht 4% aber auch echt hoch.

ImageDie Entscheidung fiel, als ich den zarten jungen Mann gleich hinter mir erkannte. Der junge Fahrer war eine Frau. Hallo? Und wer sonst als die liebe Martina Höllige vom Team Strassacker sollte es sein. Ihr treu zu Diensten hechtete Frank Stenzel um sie rum, brachte Flaschen, spendete Schatten und redete auf die Gipfelstürmerin ein. Das Ganze hatte wenig von Jedermann-Rennen. Also mit! Mein Rücken war durch die viel zu gestreckte Haltung mittlerweile auf Alarmstufe Rot gegangen. Aber schön, wenn man sich auf einen Schmerz konzentrieren muss, merkt man die andren nicht mehr. Die Kollegen um mich rum waren tatsächlich stärker als ich. Bergan machte es auch nichts aus, dass an und ab ein Auto auf der Rennstreck herum dümpelte.

Das änderte sich schlagartig, als es in die Abfahrt ging. Die Front selbst von einem kleinen Golf wird echt beeindruckend, wenn sie mit zwei mal 100 km/h auf einen zukommt. Dazu fiel mir spontan ein, dass mein Vorbau nicht wirklich optimal befestigt war. Aber ich hatte nur die Chance, wenigstens mit der Gruppe bis zur Hälfte des Passes zu kommen. Glücklicherweise erwiesen sich meine Mitstreiter als entweder nicht besonders gute oder vernünftige Abfahrer.

ImageIch für meinen Teil ließ voll laufen, die Brust auf den Lenker gelegt, verpasste ich bald die Abfahrt in den Gerlospass. Ja, wo runter da auch rauf, nur von einer anderen Seite. Das war nur leider die Steile. Wie das Profil eines klassischen Fabrikdachs musste der Pass aussehen. Und wieder standen da Leute mit Verpflegung – drei Meter vor einer Wand von Straße. Flaschen gab’s keine, man musste also zur gründlichen Verpflegung anhalten und in die Wand hinein anfahren.

Nicht wirklich glücklich. Und schneller als erwartet waren meine alten Freunde wieder da. Zum Glück war keiner böse über meinen Zwischenspurt, aber geschoben hat mich keiner. Mittlerweile hatte die Sonne die ersten Teerflächen zum Schmelzen gebracht, zumindest hatte ich das Gefühl, auf dem schmalen Wegchen festzukleben. Und der letzte Pass sollte der schwerste sein? 

Mittlerweile musste ich schon sehr genau koordinieren, welchen Muskel ich wie lange wie stark nutzen durfte, der Krampf stand unmittelbar bevor. Und einer nach dem andren zog vorbei. Gruppenbildung gab‘s nur noch weiter vorne. Das Niveau lag aber noch unglaublich hoch! Zumindest erlaubte die Streckenführung weiter Blickkontakt zu den alten Gefährten. Und ich höre mich noch mein Rad bei Red Bull bestellen: „Machen Sie ruhig 11 / 21 drauf, ich kann sowas!“ Wie einbeinige Kniebeugen mit Otti Fischer im Kreuz fühlten sich die Tritte an. Martina und Co. hatten schon mehrere hundert Meter Raum gewonnen. Da kam mir die wirklich schöne Streckenführung zugute. Es ging quasi da wieder runter, wo wir zuvor hochgestrampelt waren und ich denke wieder, hättest du dich einfach in den Schatten gesetzt, Kontrollen gab‘s keine.

ImageSensenmann und Schöpfer stets auf den Schultern, ging es runter, teilweise – muss ich gestehen – mit Windschutz von überholenden PKW. Und irgendwie ging‘s wieder. Ich glaube aber, dass alle besser über die anstehenden Aufgaben Bescheid wussten als ich. Die schonten sich. Weitere Angriffe konterten sie aber schon. Wie unnötig, ihr hättet mich in der dritten Kurve eh wieder gehabt. So konnte ich noch weiter das wirklich gute Teamwork beobachten und sogar wieder mithelfen.

Die Einerreihe lief einfach. Was auch weiter lief war aber auch der Verkehr. Das Gefühl mit vielleicht 80 km/h auf eine Kreuzung zuzuhalten, deren einzige Absicherung in einem mit Fahne und Warnweste bestückten, schüchtern winkenden Feuerwehrmann besteht, ist befremdend. Auch die zu Beginn der Etappe engen Wirtschaftswege wurden bei diesem Tempo zu Schwebebalken.

Die Beschilderung war zumindest für die kurzsichtige Fraktion nicht ausreichend. Immer wieder verabschiedete ich mich mit den Worten „ich muss mal was raus nehmen“, aber allein im Wind tat auch weh, eigentlich tat alles weh. Und ich stelle auch noch mein Auto direkt an der Strecke ab, gleich am Abzweig nach Hochfügen. Da vorbei zu fahren kostete schon viel Selbstüberredung.

ImageUnd was stand unten gleich vor der ersten Rampe - der upsolut Obst- und Wasser- Stand. Wieder falsch. Ne jetzt auch nicht mehr, ich lag ja noch ganz gut. Endlich standen auch mal ein paar Fans da, die sich nicht zufällig an die Strecke verirrt hatten. Mit Taktik war jetzt auch nix mehr, jeder wie er kann! Übersetzungsbedingt konnte ich gar nicht langsamer werden. Und dann fiel mir was auf.

Ich sitze noch bescheidener als am Start. Der Sattel hatte sich gelöst und war ganz hinten – statt ganz vorne. Das brach mir emotional das Genick. Erst noch bisschen im Stehen, dann Supergau – voller Stopp – hinlegen. Es geht nicht mehr, die Füße sind schon taub vor Rückenschmerz. Dass ich vielleicht zehn Minuten auf meiner Kamera im Gras liege und eine Kolonie Ameisen mich quasi lebendig auffrisst, prallt an meinem gebrochenen Ego ab. Die hilfsbereiten Fragen der sich vorbeischindenden Fahrer klingen wie Häme.

Bewunderung und Neid kommt in mir hoch. Letztlich quäle ich mich neben der später viertplatzierten Cosima Kurp vom Team Siemens ins Ziel. Ihrem Gesicht nach geht’s ihr kein Stück besser als mir, vor allem ist sie schon seit einer Stunde auf Alleinfahrt. Und weil Leiden verbindet, helfe ich ihr wenigstens moralisch ein wenig. Im Prinzip rechne ich jeden Moment mit dem Besenwagen. Im Ziel stehen über fünf Stunden auf dem Tacho, für eine Distanz, die ich zu Hause in drei abspulen könnte. Der Schnitt ist katastrophal.

Und trotzdem bin ich total begeistert über die Leute, die sich auch nach sechs Stunden und mehr noch ins Ziel quälen. Müssen die auch eine Reportage abliefern? Wohl die Meisten nicht! Respekt. Toll auch, dass der Streckensprecher jeden mit Namen im Ziel begrüßt. Herr Lindner und seine Verfolger sind schon lange da, waren nur unwesentlich langsamer als das Grupetto der Profis. Und dort wartet der erste Verpflegungsstand an der richtigen Stelle – aber – um Gottes Willen, es gibt Kartoffelsalat und in Fett gebackene Schnitzel. Es ist zwar toll, dass der hiesige Metzger offenbar das Catering für die Fahrer sponsert, aber außer Zyankali hätte ich wenig unpassender gefunden.

Gut dann erst mal auf die Wiese, da fällt mir auf, dass etliche der Spitzenfahrer planlos durch die Menge tigern, sie wollen alle wissen, ob wann und wie es denn eine Siegerehrung gibt. Im gleichen Zug erfahre ich, dass die Duschen irgendwo im Ziel sind. Auf einem Berg, bei gesperrten Straßen. Ich müsste also duschen, meine Tropfstein ähnlichen Klamotten wieder anziehen und so den Pass runter fahren? Danke, das kann nicht richtig sein! Aber im Tal gab es wirklich keine Duschen.

Deshalb: ein sportliches „tut mir Leid“ an das Chinesische Restaurant, das für die Alternative zum Schnitzel sorgte. Und auch, weil die Geschäftsleitung seit meinem Besuch überlegt, das all-you-can-eat Menü von der Karte zu nehmen. Am Ende des Tages fahre ich über die fünfte Grenze, zwei davon hatten mal einen weiß-roten Balken, die drei anderen gab es nur in meinem Kopf bzw. in meinen Beinen!
 
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