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Gemetzel in vier Akten
Mittwoch, 8. Oktober 2008
ImageIch glaube, selbst wenn der Kurs 300 Meter breit gewesen wäre, hätte es Stürze zu Hauf gegeben. Ein heftigeres und vor allem sinnloseres Massaker auf dem Rad hab ich noch nicht gesehen.  Und dabei wäre das Rennen beinahe für mich zu Ende gewesen, bevor der Startschuss gefallen war.

Noch auf dem immerhin drei Euro teuren Premium Parkplatz war mein Bike einsatzbereit, kurz vor dem Start fiel mein Blick auf einen schrumpeligen Mantel auf meinem Vorderrad – platt! Kaum hab ich den rot-orangen Feuerstuhl aus der Startbox wieder heraus geschoben, springt mir ein junger Mann aus dem Besenwagen entgegen. „Brauchst a Sibb?“ Hä? Ah - er hält mir ein Zipp 404 entgegen.

ImageIn 20 Sekunden hab ich das Rad drauf, ohne zu wissen, woher es kommt, wer der Typ ist, warum er so teure Ersatzräder hat und warum er glaubt, ich komm noch mal wieder zurück? Peter Mundt kommt wohl aus Hamburg, ist Radhändler und hatte sein privates Rennrad im Besenwagen. Warum er mir geholfen hat - er ist wohl einfach ein Radfreak und wollte mich nicht hängen lassen.

Als ich in die Box zurück rolle ist das kein Problem, ist eh fast keiner drin. Optimistisch hatte upsolut bis Block „D“ aufgebaut, „A“ hätte gereicht. Aber im Dorf ist schon einiges los. Eine Bühne mit Live Musik, Buden, Promo Trucks, man merkt, dass später auch noch die Pros ein paar Mal hier durch- kommen.

ImageDa ich vom Vortag gewarnt bin, reihe ich mich gleich mal vorn mit ein. Da scheppert es schon zum ersten Mal. Leider leider melden sich immer wieder Fahrer zu solchen Rennen an, die sonst nie Gruppen von mehr als zwei Leuten sehen. Dabei ist die Straße breiter als der Paderborner Flughafen.

Die Kurven gehen fast immer 90° rechts, die Ersten zeigen fair die Wechsel und Hindernisse an. Der Kurs soll 20 Kilometer rechtsherum um den Hesselberg führen. Nach jeder Runde kann man sich überlegen, ob man noch eine fährt oder den Schlussanstieg unter die Reifen nimmt. Die Route ist bis auf eine Verkehrsinsel innerorts eigentlich idiotensicher. Und doch hört man das bekannte Gemisch aus Geschrei und aufschmetternden Carbonteilen aus dem Feld, wie Granateinschläge im Krieg.

ImageSchnell ist der Kern an Fahrern dezimiert. Und nicht wegen des Tempos, das ist an sich viel zu langsam. Nein, an bald jeder möglichen und unmöglichen Stelle hängen sich Fahrer auf. Und wenn schon kein Hindernis da ist, dann bringen „sorry“ Idioten ihre Mitstreiter in Gefahr, weil sie den Fotografen oder die Familie auf der anderen Seite des Felds erspähen oder weil sie eine Attacke vermuten, wo jemand nur seinen Hintern lüften will.

An sich hätte man nach der ersten Runde, froh überlebt zu haben, ins Ziel fahren müssen, aber es ging ja auch um die Gesamtwertung. In der spielte man nur eine Rolle, wenn man jeweils die längste Distanz gefahren ist. Eine Verpflegung war für diesen Quickie gar nicht nötig, keiner rechnete mit einer Zeit von mehr als zwei Stunden für die volle Distanz. Die Rennleitung hatte angekündigt, dass pro Runde bestimmte Schnitte gehalten werden müssen, da sonst die Profikolonne zu dicht an die Hobby-Leute heran rückt.

ImageEin gesunder Vorstoß wäre der Sicherheit sicher mal zuträglich gewesen, aber jeder wusste, auf dem tellergleichen Profil und bei dem recht straffen Wind wäre das einem Selbstmordkommando gleich gekommen. Also rollten alle brav ihre 80 Kilometer ab, erst wenige Meter vor der Einfahrt in den Hesselberg kam Zug ins Feld.

ImageDie kontinuierlich steiler werdende Schlusssteigung formte endlich die Einerreihe, die dem Rennen so lange gut getan hätte. Lustigerweise traf ich erst jetzt bekannte Gesichter vom Vortag wieder, im Flachstück hatten alle genug mit der verworrenen Rennsituation zu tun. Der Berg selbst war nicht so schwer wie befürchtet. Das Ende hatte wohl einige Prozente (man munkelt bis zu acht) aber mit dem Finish-Bogen gleich vor der Nase tat das nur noch halb so weh.

ImageWobei, wenn ich meine Zielfotos ansehe, war schon bitter, besonders weil Damiano Cunego persönlich zum Spurt gegen mich ansetzte, das geht nicht! War natürlich nur ein schlanker Typ in Lampre Outfit. Im Prinzip war die Etappe ein Bergsprint mit ziemlich langer Anfahrt. Vorne hielten die Jungs von Strassacker im Rudel voll drauf, konnten aber einem jungen Kerl von Lauinger nicht folgen.

ImageDieser Benedict Phillipp gewann dann auch den Spurt. Meine Seele fand ja nur dadurch Ruhe, dass ich mich mal gegen die Damenwelt, in der Spitze mal wieder vertreten von Martina Höllige, durchsetzen konnte. Die Masse der Fahrer und Fahrerinnen, die die gesamten 80 Kilometer gefahren waren, hatte dann auch recht bald das Ziel erreicht.

ImageDie vereinzelten Nachzügler waren oft Sturzopfer oder hatten sich durch die vielen Unfälle abschrecken lassen. Es gab aber auch die Genussfahrer, die einfach mal ihre Heimat ohne Autoverkehr erkunden wollten und / oder sich einer neuen Herausforderung stellen wollten. Leider musste ein älterer Herr durch den Besenwagen von der Strecke geholt werden. Er hatte den Schnitt nicht halten können und musste das Rennen in der vierten Runde noch verlassen.

Im Ziel freute ich mich dann doch auf Verpflegung. Leider wusste ich genauso wenig wie alle anderen Fahrer und der Großteil der Ordner, wo, wie und mit was es denn nach dem Ziel weiter geht. Die einzige Quelle von Kalorien, die ich gefunden habe, war eine Würstchenbude. Nach den Schnitzeln vom Vortag immerhin eine kleine Verbesserung. Und noch etwas stieß mir sauer auf.

ImageWie die große Schwester der Tour de France fährt jetzt auch die D-Tour ein oder mehrere Verkaufswagen auf und verhökert Shirts und Kappen und allerlei weiteren Kram. Das nahm dem Ganzen ein wenig die familiäre Note, denn es hatten sich schon einige Fans auf zum Hesselberg gemacht. Die Stimmung war super, wie das Wetter. Und im Tal, genau gesagt im Örtchen Gerolfingen, lief noch bis in die Dunkelheit rein die Show. Dort fand ich auch meinen Retter mit dem Zipp Vorderrad wieder. Glaub, er war schon froh, dass sein Laufrad nicht sein Ende in einem der Haufen von Rennfahrern und Radteilen fand.

ImageDie Duschen waren an diesem Tag wenigstens auf dem gleichen Niveau wie der Parkplatz, wenn auch etwas weiter weg.
 
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