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Techniktest: Red Bull Carbon Flyer TT
Dienstag, 7. Oktober 2008
Zweigleisig fahren?

ImageWährend Elektrogeräte immer mehr Funktionen in Einem vereinen, geht die Fahrradbranche einen anderen Weg. Spezialisierung des Materials ist angesagt. Ein Rad für den Winter, eins für den Sommer, eines für die zwei drei Zeitfahren im Jahr, ein Leichtbausatz für die Berge, eine stabiler Laufradsatz für die schlechten Strecken, jede Menge Vorbauten, Spacer, Aufsätze und und und…

Der CM Techniktest im September sollte zeigen, ob nicht ein Rad mit kleinen Modifikationen zu mehreren Varianten zu gebrauchen sind. Wie es zum Red Bull kam, war ja schon in der vorherigen Ausgabe zu verfolgen. Die eigentliche Aufgabe für das Carbon Flyer bestand darin, in drei Wettkämpfen unterschiedlichster Art zu bestehen: Einem Bergrennen, einem Rundstreckenrennen und einem Zeitfahren.

Fahrer und Rad hatten dabei wenig Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen. Um genau zu sein - gar keine. Das Bike vom Rose Versand kam aus dem Karton gleich in den Kofferraum. Ab ins Zillertal. Beim eiligen Set up vor dem Start fielen zwei Dinge auf: Der Rahmen ist entweder extrem lang oder der Packer beim Versender  hat sich eine falsche Größe gegriffen.

Tatsächlich musste der Sattel in eine extrem vorgelagerte und nach unten geneigte Position, um halbwegs sinniges Fahren zu ermöglichen. Zum Zweiten fiel die Notwendigkeit eines Drehmomentschlüssels auf, genau in dem Moment, als eine der beiden Vorbauklemmschrauben am Gabelschaft abriss. Gerade, wenn Karbon im Spiel ist, sollte nicht mit roher Handkraft gearbeitet werden. Dagegen hielt die Klemmung des Sattels nicht mal bis zum ersten Pass. Da ich aber der ausführende Mechaniker war, kann ich Rose maximal schelten, solche Schrauben nicht mit Gewindekleber bestückt zu haben. Aber nun zum Rad selbst.

Das Red Bull Carbon Flyer TT:

ImageDer Vollcarbonrahmen mit integrierter Sattelstütze aus dem Hause Rose soll laut Hersteller ein wahrer Verwandlungskünstler sein, und damit genau die Kriterien des Tests erfüllen. Der Clou: der Rahmen selbst wird gar nicht verändert, dafür mutiert durch den Tausch zweier  unterschiedlicher  Sattelklemmen der gedachte Sitzrohrwinkel. Mit der klassisch leicht nach hinten gekröpften Halterung erreicht der Rahmen Straßenrad-typische 71° bis 73 °, je nach Rahmenhöhe. Mit der nicht im Lieferumfang enthaltenen Zeitfahrstütze verlagert sich das Gesäß des Piloten vor, bis er maximal mit 76° zur Kurbel sitzt. Das funktioniert auch prima, doch (um das vorweg zu nehmen) reicht die Korrektur alleine nicht, um in eine optimale Zeitfahrhaltung zu kommen. Ein großer Unterschied zur üblichen Rennposition ist beim Kampf gegen die Uhr die extrem tiefe Lage des Oberkörpers. Dafür erwies sich im Nachhinein die Sattelüberhöhung als zu gering.

Aber erst einmal musste sich das Flyer TT im Hochgebirge beweisen.
Obwohl die Jungfernfahrt des Testgespanns gleich in einer Rennsituation statt fand, ließ sich die Kombination aus dem wuchtigen Rahmen, der flächigen Gabel und den schnittigen Zipp 808 Laufrädern von Anfang an gut beherrschen. Das verwundert bei der recht flachen Gabellage von bis zu 71° wenig, auch die eher komfortable Haltung des Fahrers spielt da sicher mit rein. Der Geradeauslauf ist super, das Lenkverhalten ist ruhig bis träge, aber immerhin noch wendig genug, den ersten Stürzen im Feld erfolgreich auszuweichen. Insgesamt hätte das Rad zumindest fürs Hochgebirge ein paar Gramm abspecken können. In der getesteten Ausstattung mit kompletter Dura Ace und den auf Aerodynamik ausgelegten  Zipps kommt das Rad auf 8,1 Kilo, wobei das Rahmenset lediglich 1,1 kg davon ausmacht. Dafür bietet das Rad tolle „Rolleigenschaften“.

Selbst im Wind neben dem Feld hat man stets das Gefühl, einfach durch die Luft zuschneiden. Auch die Steifigkeit von Tretlager und Hinterrad lässt im Wiegetritt keine Wünsche offen, auch wenn Rose selbst ersterem nur durchschnittliche 69 Nm/° bescheinigt. Die Haltung in der Konstellation für Straßenrennen wäre eher komfortabel, wenn man nicht so weit hinter dem Tretlager sitzen würde. Wer sich einen solchen Rahmen bestellt, sollte ganz sicher eine oder gar zwei Größen kleiner ordern, als es die Maßtabelle hergibt. Bergab möchte der Carbon Flyer TT gezügelt werden. Von einem Flattern zu reden wäre übertrieben, aber bei 80 km/h und mehr sollte man schon beide Hände am Steuer lassen. Rein gefühlsmäßig kommen die kleinen Vibrationen gar nicht aus dem Steuerlager, sondern sind Produkt der riesigen Segelflächen von Gabel und Vorderrad.

Wenn sich darin heftiger Wind fängt, wird Spur halten zur Kunst. Aber eine Eier legende Wollmilchsau bauen weder Rose noch die Konkurrenten. In Punkto Bremsen und Kurvenfahrten glänzt der grell orange Rahmen wieder mit seiner Laufruhe. In engen Serpentinen möchte der Bulle zwar etwas zum Scheitelpunkt gebeten werden, aber dafür hält er auch Spur, wenn (krampfbedingt) nachträglich ein wenig korrigiert werden muss. Aerodynamisch kommt bei den schnellen Passagen das Design voll zu tragen.

ImageSo lag das Testpaar nach der ersten Abfahrt etwa 90 Sekunden vor der Gruppe, mit der es selbige begonnen hatte. Auch oder besonders die Zipps scheinen einen echten Vorteil zu bringen und nicht nur beeindruckend auszusehen. Die kleinen Dellen auf der Oberfläche rühren übrigens nicht vom letzten Hagel her, sondern sollen die Wirbel an der Oberfläche zulassen, was wiederum die Reibung herabsetzen soll.

Weniger harmonisch als Tester und Testrad verhielten sich die SRAM Kassette und die Shimano Kette. Nach fast jedem Schaltvorgang über zwei Gänge und mehr musste an der Stellschraube neben dem Bremsgriff nachkorrigiert werden. Ohne trat man kurz vor Ende des Schaltvorgangs für etliche Grade ins Leere.

Dafür konnten Kette und FSA Kompakt Kurbel wesentlich besser miteinander. Die Carbon-FSA war im Übrigen sehr clever ausgewählt. Trotz dem Lochkreis von 110 mm war sie mit 38 / 52 bestückt, in Verbindung mit einem 11er Ritzel also ausreichend für schnelle Abfahrten. Man hätte aber auch ohne großen Aufwand eine 32 / 48 auflegen können. In der Kategorie „Verwandelbarkeit“ also Punkt für die Kurbel.

Aus Platzgründen wird wie bei fast jedem Test darauf verzichtet zu erwähnen, dass die 10-fach Dura Ace ihren Aufgaben immer unspektakulär nachkam. Auch der hauseigene „extreme“-Lenker und der FSA Oversize-Vorbau wurden nicht erwähnenswert gefordert. Schön aber, dass Rose nicht auf Gedeih und Verderb alle Parts aus Kohlefasern baut.

Das Rundstreckenrennen am Hesselberg legte zwei Dinge offen: Die flächige Konstruktion ist bei allen Windrichtungen mit Konzentration zu bewegen, aber pfeilschnell. Die sonst so zermürbenden Fahrten am Feld vorbei in die Spitze mutierten zum Spaß am Nachmittag. Kurze Vorstöße - natürlich zu reinen Testzwecken - waren erfolgreicher als erwartet. Zum Zweiten musste das Tretlager doch eingestehen, dass es für sehr harte Antritte und Spurts doch trotz viel Volumen etwas Härte vermissen lässt.

ImageDer Kraftverlust sollte jedoch minimal sein. Ansonsten wurde das Set up zum Vortag nur wenig verändert. Der Lenker wurde weiter nach unten gedreht, um vornehmlich in der Unterlenkerhaltung fahren zu können. Der Sattel konnte zumindest ein wenig waagerechter gestellt werden, da bei den zu erwartenden 110 Minuten keine Schonhaltung wie im Zillertal notwendig war.

Außerdem konnte bei den guten Straßen der Reifendruck auf 9,5 bar erhöht werden. Das auf den Fotos zu sehende Zipp 404 verdankte das Testteam dem unglaublichen Einsatz vom Service Team der D-Tour, ohne das der Test schon am Start zu Ende gewesen wäre. Näheres gibt’s in den Reportagen der Jerdermannrennen zu lesen, aber schon nochmal Danke!

Nach den zwei Rennen mit Feindkontakt folgte der große Umbau. Die weit nach vorne verschiebbare Sattelklemmkonstruktion  steckt nicht wie der Vorgänger im Sattelrohr, sondern wird über den Rahmen gestülpt. Das CM rät hier, den Rahmen sehr sorgfältig so zu kürzen, dass die Klemme auf dem Carbon aufsitzt. Die Klemmung so fest zu ziehen, dass selbst ein 90 Kilo schwerer Fahrer trotz Schlaglöchern seine Sitzhöhe behält, scheint doch sehr nah an der Zerstörung des Rahmens zu liegen. Das ist jedoch ein reines Bauchgefühl. Sehr clever hatte Rose auf den Stumpf schon einen weichen Arione Sattel montiert, da der SLR auf der Standartklemme bei dem Ritt auf der Sattelspitze nicht wirklich Freude gemacht hätte.

Optischer Leckerbissen ist der Vision Zeitfahrlenker von FSA. Die Tragflächenkonstruktion mit integriertem Vorbau bietet dem Wind nicht mehr Angriffsfläche als sechs Briefmarken zu 90 Cent. Mit Gewalt kann man die Ausleger zwar schon verbiegen, brutale Steifigkeit verlangt aber auch niemand von einem Zeitfahrlenker. Der eingebaute Vorbau hat negativere Konsequenzen.

Das futuristisch geformte Teil hat nur eine Neigung von etwa 4° nach unten, in Verbindung mit der geringen Sattelüberhöhung des Rahmens ergab das eine unwürdige Zeitfahrhaltung. Am Ende musste die obere Steuerlagerabdeckung sogar weichen, um die Lage des Fahrers halbwegs in die Waagerechte zu bringen.

Aber eine Überhöhung von gerade sechs Zentimetern zu den Armschalen ist vergleichsweise wenig aggressiv. Zum Abgleich: Die Armauflagen der Räder des Gerolsteiner Teams liegen über 20 Zentimeter unter Sattelniveau. Bemerkenswert übrigens auch die Bremshebel, die konsequent schnittig geformt sind. Sie sind sogar so schmal, dass sie nicht mit einem klassischen Bremszug sondern mit dem dünneren Schaltzug bestückt werden müssen. Die scharfkantige Vorderseite machte die Suche nach dem Druckpunkt der Bremse etwas ungewohnt, aber das legt sich.

ImageDa es sich in Bremen um einen flachen Kurs handelte, konnte der Umwerfer getrost entfernt werden. Die größte aller Veränderungen brachte allerdings die Hinterradscheibe. Die Konstruktion mit Alu-Bremsflanke aus dem Hause Rose ist zwar rund 200 Gramm schwerer als das Zipp, bei Geschwindigkeiten über 40 km/h ist sie aber nahezu unverzichtbar. Tests haben zwar ergeben, dass Xentis und Co. sogar weniger Luftwiderstand haben sollen, aber das hängt dann immer sehr von der jeweiligen Windrichtung ab. Wer sein Rad regelmäßig mit einer Scheibe umrüsten will, sollte tatsächlich ein Rad mit Alu-Flanke wählen, um sich das mühsame Tauschen der Bremsbeläge zu ersparen.

Leider begannen mit dem Umbau auch einige Probleme mit dem Rad. Die Sitzhöhe war ohne zusätzliches Werkzeug und in der Kürze nicht tief genug zu bringen, der Freilauf der Scheibe festgefressen, der Lenker musste durch Korrekturen am Steuersatz auf Max-Tiefe gebracht werden, die drei nötigen Schaltzüge überstiegen den Vorrat des CM Radkellers um genau einen. Basteln in der Nacht war angesagt. Etwa zwei Stunden vor Abfahrt entschied sich das CM Team dafür, Bremen Bremen sein zu lassen und das Bike ohne Wettkampf zu testen.  Der windige und winklige Kurs hätte dem Rad wohl eh nicht wirklich gut zu Gesicht gestanden.

Das Red Bull ist zwar sehr sehr schnell, aber die eingangs erwähnte Trägheit steigert sich in der ungewohnten Haltung. Dafür braucht man sich selbst mit Scheibe wenig Sorgen um den Geradeauslauf zu machen. Die Position ist nach allen Veränderung immer noch recht komfortabel, eher etwas für einen langen Triathlon als ein knackiges Zeitfahren. Die Lage zum Tretlager ist dafür sehr aggressiv, Rennfahrer müssen aufpassen, dass sie nicht weiter zum Tretlager hin kommen, als es das Reglement erlaubt (6 cm).

Die flache Gabel gibt bei Seitenwind hin und wieder leichte Pfeifgeräusche von sich, das ist aber eher ein Zeichen dafür, dass die Luft fließt und sich nicht bricht. Das Hinterrad würde bei einer reinen Zeitfahrmaschine wohl enger am Rahmen laufen, dafür ist es leichter zu tauschen. Eng wird’s beim Wiegetritt, der kurze integrierte Vorbau und die weit zurück reichenden Armschalen stehen schon mal den Knien sehr eng gegenüber. Mit etwas Gewöhnung ist aber auch das kein Problem.

Fazit:
Der treffendste Kommentar zum Test wäre wohl: „Man kann nicht alles haben!“ Das Red Bull Carbon Flyer TT ist sowohl ein klasse Rennrad, als auch eine gute Zeitfahrmaschine, es kommt immer darauf an für wen. Echte Experten im Kampf gegen die Uhr werden mit der Geometrie nicht glücklich werden. Auch die Ausformung der Rahmenrohre ist dafür nicht stromlinienförmig genug. Aber für den Kreis hält Rose ja auch sein Aero Flyer bereit. Für Radrennen ist das Testrad wesentlich besser aufgestellt, wobei auch hier die hyperstarken Sprinter mit einem anderen Rose Model glücklicher werden, da steifer und wendiger. Ideal ist das Bike für Triathleten, besonders für die mit unterschiedlichsten Wettkämpfen im Jahr.

ImageMit dem Carbon Flyer lässt sich prima übers Jahr trainieren, mit wenigen Handgriffen steht dann ein Wettkampfgerät für eine olympische Distanz oder gar einen Iron Man bereit. Qualitativ gab es bis auf die abgerissene Vorbauschraube keinerlei Beanstandungen. Durch die viele Konfigurationen ist es schwer, einen genauen Preis anzugeben. Die Basis kostet lau tKatalog 2.490,- Euro, mit den Zipps oder der Scheibe liegt der Preis jedoch schnell über 4.000,- Euro. Das ist aber für die Möglichkeiten immer noch ein Schnapper. Technisch fiel im gesamten Test kein Grund auf, eine Traditionsmarke dem Versender vorzuziehen.

Das CM Team rät aber dringend, ein solches Projekt nicht in Blaue zu bestellen, sondern entweder genaueste Vermessungen vorzunehmen, oder am Besten in die Filiale nach Bocholt zu fahren. Das BikeTown ist an sich schon eine Reise wert. In jedem Fall schien das Team des Versenders vorbildlich geschult und erfahren. Dazu waren alle Kontaktpersonen stets gut motiviert und auf Schnelligkeit und Kundenzufriedenheit aus. Danke noch mal für die Hilfe während dem Messe-Stress.
 
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