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Bergtraining bei Regen und Wind
Mittwoch, 1. Oktober 2008
La 19ème Charly Gaul

ImageEs war mal wieder einer dieser ganz normalen Tage, wo man morgens um 5.30 Uhr bei schönstem Wetter nach Echternach in Luxemburg fährt, um sich dann bei Dauerregen und Kälte mit anderen fertig zu machen (Frank Drebin, "Die nackte Kanone 7). Während sich Ingo auf seinen Lorbeeren vom Vortag ausruht und auch noch ausschläft (siehe Bericht "Bildchensprint" in dieser Ausgabe), bin ich um 4.20 Uhr aufgestanden, um an der 19. Ausgabe des Jedermann-Rennens "La Charly Gaul" über 160 km teilzunehmen....


Nachts hatte ich noch das Rad umgebaut und nachgelesen, wie man den Hinterreifen wechselt, um bei dem angekündigten Regen keine Panne zu erleiden. Morgens war ich dann zwar unausgeschlafen aber völlig gesund... und bereit, wie Charly Gaul in den Alpen zu frieren.

ImageDie Fahrt von Köln nach Luxemburg ist gar nicht so lang und ich erreiche Echternach gegen 7.00 Uhr. Am Start treffe ich Adrian Czibere und wir starten nebeneinander. Vor uns haben sich die bekannten Persönlichkeiten der Region und Profis aufgestellt. Das Rennen ist also offen für absolut Jedermann und ich möchte nur noch unter die ersten 100 kommen.

Die ersten 20 km verlaufen flach und ich fahre lieber vorne, um der Hektik der 400 Starter aus dem Weg zu gehen.

ImageAm ersten Berg kommt dann auch die Ernüchterung. Ich fahre als Erster in die Steigung und ungefähr als 120ster oben über die Kuppe. Das ist ein Bergrennen mit Bergfahrern!

In der Abfahrt kann ich mich wieder ziemlich nach vorne setzen.

Vom Veranstalter  heißt es: "Berg Nummer zwei - die côte de Mont St-Nicolas (8000m; 313HM; 3,9%) - wird wohl eine erste Selektion des Fahrerfeldes bewirken." Ich habe aber das Gefühl, dass das Fahrerfeld nicht selektiert wird, sondern dass man nur mich zerlegt.

ImageDas Bergzeitfahren gestern war wohl doch etwas suboptimal als Vorbereitung. Nach 3,5 km Anstieg und 200 Höhenmetern trifft mich der Hammer und ich bin total kaputt. Leider sind noch fast 5 km Anstieg zu bewältigen. Ich muss die meisten Konkurrenten ziehen lassen.

Oben sind wir nur noch zu Dritt. Und die beiden anderen hängen mich an der nächsten Kuppe sofort noch mal so richtig ab. Der Gedanke umzukehren drängt sich immer mehr in meinen Kopf, denn ich habe noch nicht einmal 40 km geschafft und 9 Steigungen liegen vor mir. Aber was werden Ingo und Claus sagen, wenn sie davon erfahren?

ImageEs herrscht starker Seitenwind wie bei der Flandern-Rundfahrt und nebenbei bemerkt, es regnet jetzt unglaublich stark. Ich blicke mich nur noch um und fahre langsam bis eine große Gruppe zu sehen ist. Die nächsten 70 km sind ganz schnell erzählt.

Über eine Stunde lang verliere ich an jedem Berg den Anschluss, aber ich kann die mittlerweile auf 60-80 Fahrer angewachsene Gruppe zunehmend leichter in den Abfahrten einholen. Es ist einfach zu nass und ich glaube, diese Fahrer sind alle zu leicht, um schnell abzufahren. Außerdem führt die Strecke zum Teil über so kleine und schlechte Wege, dass ich sehr leicht aufholen kann (genau wie beim Flêche de Wallonie). Ein Feld kann sich da einfach nicht so schnell zurechtfinden.

ImageDoch irgendwie wird man auch ziemlich kleinlaut, wenn man an jedem Berg am Limit fährt und mit Krämpfen oben ankommt und ist einfach nur froh, ein schwerer Brocken mit Aerolaufrädern bei Regen zu sein, wenn es wieder runter geht.

Dann kommt die plötzliche Wendung nach 100 km. Die côte de Groesteen (3800m; 283HM; 7,4%) ist der siebte Berg und der schwerste. Wir biegen in einen Weg ein und dann sehe ich die Rampe. Zum Glück weiß ich, dass die Rampe mehrere Kilometer lang sein soll. Manche freuen sich auf die nun folgende S-E-L-E-K-T-I-O-N und legen so richtig los.

ImageIch fahre besonders langsam an, werde nach hinten getragen und staune nicht schlecht über diese Serpentinen und Rampen und zum Schluss über den Gegenwind. 3800 lange Meter und ca. 300 Höhenmeter - geschafft. Außerdem konnte ich langsam zum Kopf der Gruppe aufschließen.

Oben erreiche ich die 20 Mann und eine sehr starke Frau, als wir auf heftigen Seitenwind treffen. Ich weiß, was das für die anderen hinter mir bedeutet. An der Verpflegung halte ich sogar an (muss dringend trinken), doch es kommen nur noch zwei weitere hinter mir durch, bevor ich wieder losfahre. Die anderen werden den Anschluss bei dieser Windkantensituation wohl nicht mehr schaffen.

Die anschließende Abfahrt ist, wie die Auswertung später ergibt, ungefähr 18 km lang.

ImageMeine Rettung: ich kann die Abfahrt mit 41 km/h im Schnitt und HF128 ohne Anstrengung herunter schießen. Außerdem habe ich mir 2 Flaschen Rivella mit Kohlensäure mitgenommen. Das tut gut und gibt Kraft. Durch die aufsteigende Kohlensäure hören mich alle schon von weitem heranrollen und röhren. 

Man friert beim Abfahren erbärmlich, doch als ich in den nächsten Berg rolle, habe ich sogar einen kleinen Vorsprung und werde hier auch nur noch von Einzelnen eingeholt.

ImageBis oben erreiche ich eine andere Gruppe, die aus einem harten Holz geschnitzt ist. Wir erklettern den letzten Berg nach Berdorf wie bei einem Ausscheidungsfahren und ich kann mich gerade so als Letzter halten.

Die anschließende Abfahrt nach Echternach ist genial. Ich fahre einem Attackierenden hinterher und zerreiße so die Gruppe ein bisschen. Noch zweimal werde ich nach einer Attacke eingeholt.

ImageDann werden wir auf einen Fahrradweg geleitet. Ich habe keine Lust mehr. Jetzt noch auf einem Fahrradweg 300 m vor dem Ziel zu stürzen. Zwei Mann gehen vorbei aber an der nächsten Kurve verlieren sie an Tempo. So kann ich ohne Sturzrisiko doch noch abhauen und fahre mit ein bisschen Vorsprung ins Ziel.

Vincenzo Centrone gewinnt in 4:32. Adrian Czibere kann sich in den Bergen gut behaupten und erreicht als bester Deutscher den 14. Platz. In einer Zeit von 4:41:55 liegt er gerade mal 9:37 hinter dem Sieger. Eine reife Leistung.

ImageUnter die ersten Hundert bin ich dann noch gekommen. Mit 5:07:44 liege ich 35:28 hinter dem Sieger. Platz 76 - das heißt, der Sieger war wohl schon fast geduscht als ich ankam.

Das 160 km-Rennen nahmen 282 Starter in Angriff und 257 klassierten sich (25 DNF).
Im B-Rennen über 92 km erreichten von 435 dann 421 Teilnehmer das Ziel.

Das Rennen war sehr gut organisiert aber wegen der Streckenlänge wohl nicht komplett abzusperren. Gegenverkehr und unabgesperrte Baustellen gehörten da zur Tagesordnung. In der Mitte der Strecke ging es durch ein wildes Labyrinth von Feldwegen. Die Fahrer stellten sich aber darauf ein und fuhren auch sehr gekonnt.

ImageDie Atmosphäre in Luxemburg ist sehr sportlich und das Streckenprofil meiner Meinung nach etwas härter als die Nordschleife des Nürburgrings. Ich glaube, schon alleine deshalb ins Ziel zu kommen, ist eine Leistung für jeden Finisher. Und bei dem Wetter heute war auch ein Ausstieg nicht gerade abwegig.

ImageWind und Regen gehören natürlich immer dazu in den Hausbergen der Gebrüder Schleck... so richtiges Charly Gaul Wetter eben...

Frank Schweinheim
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www.lacharlygaul.lu

Bilder: Alain Conter

 
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