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Vattenfall Cyclassics 2008
Mittwoch, 1. Oktober 2008
Energie aus 44.000 Beinen

ImageVattenfall ist ein schwedischer Energiekonzern, der im Jahr 2005 mit den Hamburger Elektrizitätswerken freundlicherweise auch gleich das Radsport-Sponsoring der HEW übernommen hat. Damit war die Zukunft des von der Veranstaltungsagentur Upsolut begründeten Erfolgsrezeptes eines kombinierten Profi- und Jedermann-Rennens gesichert und konnte sich mit aktuell 22.000 Teilnehmern zum derzeit größten Rad-Event dieser Art in Europa entwickeln.

Blickt man nach vorn, bleiben nicht mehr viele Ziele, außer vielleicht das Übertreffen der Cape Argus Tour in Südafrika, mit 38.000 Teilnehmern das derzeit größte Radrennen der Welt (siehe auch den Bericht zur Cape Argus Tour 2008 im Archiv (April 2008) dieses Magazins.

Kraft, Energie und Leistung sind physikalische Begriffe, die sowohl zur Produktwelt des Energieversorgers als auch zur Gedankenwelt des Radsportlers gehören. Das passt also  gut zusammen. Deutlich unterschiedlich ist dagegen der Umgang mit der Energie. Während das Versorgungsunternehmen zum Beispiel Strom produziert, um diesen an die Verbraucher weiterzugeben, behält der Radsportler seine ganze Energie für sich, wandelt diese mittels eines Rennrades in Vortrieb um und kommt nach einiger Zeit wieder genau dort an, wo er losgefahren ist.

ImageIst das Ganze also nur eine gigantische Energieverschwendung im Namen eines Energiekonzerns? So betrachtet handelt es sich zunächst einmal um eine etwas merkwürdige Veranstaltung.

Unsere kleine ’rheinische Fraktion’ ist Teil dieser merkwürdigen Gesellschaft und bildet mit vier Fahrern einen fast repräsentativen Querschnitt durch die verschiedenen Motivationen und Ambitionen bei diesem Jedermann-Rennen. Da gibt es Carsten (47) und seinen Sohn Simon (19), die beide Neueinsteiger in Sachen Radsport sind und das erste Mal in ihrem Leben an einem organisierten Radevent teilnehmen.

ImageBeide wollen auf der 55 km-Runde ihre Möglichkeiten ausloten, sich dabei nicht übernehmen und vor allem Spaß haben. Andreas (42) ist als früherer Bahncrack immer noch ein talentierter Radfahrer, der die Kunst beherrscht, sich mit einem Trainingsprogramm Marke ’kurz und heftig’ sehr minimalistisch aber effektiv auf die 100 km-Distanz vorzubereiten.

Er will seine Vorjahreszeit unterbieten und damit einen besseren Startblock im nächsten Jahr ergattern. Dann gibt es noch mich, Jörg (48), den Autor dieser Zeilen. Ich habe mein Leben als Leistungsradsportler gelebt, trainiere aber noch regelmäßig und danke dem lieben Herrgott für jedes Jahr, in dem er mir noch die Beine für die Teilnahme im Startblock A des 155 km-Rennens schenkt.

ImageDamit fährt man (für mich eher theoretisch) um den Rennsieg mit, da laut Reglement die ersten 100 Plätze im Endergebnis nur von A-Block-Fahrern belegt werden können; dafür muss man sich in den Vorjahren durch entsprechende Fahrtzeiten qualifiziert haben.

Es ist Sonntag, der 7. September 2008, 8.00 Uhr in Hamburg City, es herrschen optimale äußere Bedingungen (das Haar sitzt perfekt unter dem Sturzhelm) und die übersichtliche Anzahl von Fahrerbegleitern und Zuschauern, die sich die Anwesenheit zu dieser unchrist- lichen Zeit antun, werden Zeugen eines gewaltigen Spektakels:

ImageDie ’Cyclassics – Anlage’ wird hochgefahren und die ersten 1.000 Beine (incl. meiner zwei) des riesigen Humankraftwerkes gehen ans Netz. Mit dem Start des A-Blocks kurbeln die ersten 500 Beinpaare los und dürften mit ca. 200 Watt Durchschnittsleistung schon genügend Energie für etwa zweieinhalbtausend Glühbirnen bereitstellen.

Nach wenigen hundert Metern hat der Radcomputer die 45 km/h-Marke bereits überschritten, diese Zahl wird in den nächsten 3 ¾ Stunden eigentlich nur noch in Kurven, Anstiegen und Verpflegungsphasen unterschritten werden. In Startblock A stehen keine Anfänger, hier hat man es ganz überwiegend mit routinierten und wettkampferfahrenen Sportlern zu tun, die das Adrenalin kontrollieren und die unvermeidlichen Stresssituationen beherrschen können.

ImageTrotzdem müssen leider mehrfach während dieser Tour einige Mitstreiter die Wirkungsweise des physikalischen Gesetzes erfahren, das uns Herr Einstein durch unsere Physiklehrer erklären ließ: Energie gleich Masse mal Beschleunigung zum Quadrat.

Bedeutet für einen Radfahrer bei 50 km/h: Befindet sich etwas in der Fahrlinie, beispiels-weise eine Verkehrsinsel oder ein anderer Fahrer, erhält die Körpermasse ganz plötzlich eine derartige Beschleunigung, dass sie mit einer Mordsenergie zunächst zum Steigflug ansetzt, um dann aber leider sehr schmerzhaft auf dem Pflaster zu landen. Nachträglich gute Besserung an alle Unglücksraben! Und auch an das betroffene Radmaterial, das dabei viel Energie aufnehmen muss und danach oft nur noch als Anschauungsobjekt für zerstörende Werkstoffprüfung zu gebrauchen ist.

ImageAuch bei mir versucht jemand, meinen Focus Izalco einer solchen Prüfung zu unterziehen. Dieser steckt aber das Pedal, das in voller Fahrt über der linken Hinterbaustrebe in mein Hinterrad gehalten wird, locker weg.

Eine Lackschramme und eine gerissene Speiche sind das Ergebnis, was mich aber nicht von der Weiterfahrt abhalten kann. Die Speichenenden schlagen immer wieder gegen die Hinter- baustreben und sorgen mit der Geräuschverstärkung durch den Carbon-Monocoque-Rahmen dafür, dass ich ab da etwas mehr Platz im Peloton habe.

ImageAuf der 155er-Strecke fährt man hintereinander die 100er und 55er-Runde ab, das heißt von Hamburg aus zunächst Richtung Süden in die Heide. Nach der Fahrt durch Jesteburg und Buchholz in der Nordheide, wo jedes Jahr eine volksfestartige Stimmung herrscht, geht es zurück zur City von Hamburg, deren Nähe sich mit der Durchquerung des Freihandelshafens und der anschließenden Überfahrung der Köhlbrandbrücke ankündigt, letztere stellt für mich jedes Jahr den (nicht nur geographischen) Höhepunkt dieser Tour dar.

Nach dem Passieren des Hauptbahnhofes bei KM 100 geht es in nordwestlicher Richtung weiter über Pinneberg und Wedel. Richtig spannend wird es dann nach insgesamt circa 140 Kilometern in Blankenese. Die Jedermänner müssen (dürfen) zwar nicht über den Waseberg, aber die  langgezogene, treppenartige Steigung durch den Wald von Blankenese führt in der Regel zur letzten Selektion; wer oben in der Spitzengruppe ist, kommt mit ihr in Hamburg an.

ImageEr muss allerdings schnell ein klärendes Gespräch mit seinen Beinen führen. Wenn sie signalisieren: ’ O.k., du kriegst noch Kraft für 15 Kilometer’, dann muss man sich sofort (und damit meine ich ’sofort’) unter den ersten 30 Fahrern einreihen.

Sollten die Beine eine eher ablehnende Haltung einnehmen, fährt man am besten hinten und hält sich aus allen finalen Kampfhandlungen heraus. Dazwischen fahren eigentlich alle diejenigen, die nicht mit ihren Beinen gesprochen haben. Im Finale trete ich mit persönlicher Maximalwattzahl den 54er Seniorenteller in Kombination mit dem 13er Ritzel und da durchzuckt es mich ganz kurz, dieses Gefühl, das ich bei meinem ersten Radrennen vor 36 Jahren erstmalig verspürte: Der Riesenspaß daran, ein Fahrrad aus eigener Muskelkraft mit der Geschwindigkeit eines mittelprächtigen Motorrollers, also zwischen 50 und 60 km/h zu bewegen.

ImageTrotz des Geschwindigkeitsrausches gehe ich im Endspurt nicht mehr volles Risiko und rolle insgesamt als 25. mit guten drei Sekunden Rückstand auf den Sieger durchs Ziel. Ganz o.k. für einen alten Mann und damit einmal mehr ein Dankeschön an den lieben Herrgott, denn damit ist der Startblock A für 2009 wieder gesichert, wenn ich denn noch einmal antrete.

Neben mir fährt ein permanent schreiender Kollege ins Ziel, ein Endorphin-Überschuss hat  offensichtlich einen Kurzschluss bei ihm verursacht, so sehen erwachsene Männer im Moment ihres allergrößten Glücksgefühls aus. Ich freue mich zwar auch, aber mehr auf ein Küsschen, ein Kaltgetränk und die beste Frau der Welt, die beides für mich bereithält.

Andreas verbessert seine Vorjahreszeit um rund 10 Minuten und dürfte damit für das nächste Mal auch den Startblock A sicher haben. Das Vater-Sohn-Gespann Carsten und Simon hat viel Spaß und freut sich am Ende über eine Fahrtzeit unter zwei Stunden, die mit freundlicher Unterstützung des Windschatteneffektes erreicht werden konnte.

ImageEs war also (wieder einmal) ein nahezu perfektes Wochenende. Auch die Zuschauer kamen auf ihre Kosten und sahen im Profirennen einen australischen Dreifacherfolg mit dem ’alten’ Robbie McEwen an der Spitze. Doch blieb außer mir noch etlichen anderen Mehrfachteil-nehmern nicht verborgen, dass die ganz große Euphorie vergangener Jahre, bedingt vor allem durch den Zabel-Ullrich-Effekt, einer gewissen Ernüchterung gewichen ist.

Da ist natürlich die andauernde Dopingdiskussion; und Ciolek ist eben noch kein Zabel und Gerde- mann eben noch kein Ullrich. Daneben kursierten Gerüchte, dass man in Hamburg und Um- gebung ein Zeichen gegen die Preispolitik des Energiekonzerns Vattenfall setzen wollte und deswegen die Veranstaltung boykottierte. Sport und Politik lassen sich offenbar nicht von einander trennen, weder in Peking noch in Hamburg.

ImageAm Ende möchte ich der Agentur Upsolut, dem Sponsor Vattenfall und allen Helfern danken und zum gelungenen Event gratulieren. Aber zwei Sachen noch:

Liebe Upsolut-Verantwortliche, bitte behalten Sie bei aller Perfektionierung und Professionalisierung im Auge, dass es auch bei den Jedermännern Grenzen für die Begeisterungsfähigkeit und Belastbarkeit gibt. Wenn in diesem Jahr bei Anmeldegebühren in Höhe von 53,50 € (55 km), 61,50 € (100 km) und 64,50 € (155 km) Leistungen im Wert von 17,40 € (T-Shirt 11,90 €, Pasta-Party 5,50 €), die zu HEW-Zeiten im Preis inbegriffen waren, nun extra zu zahlen sind, entspricht das allein einer Preiserhöhung von im Schnitt rund 30%. Autsch! Das haben wir gemerkt.

ImageGerade die samstägliche Pasta-Party früherer Austragungen, bei der tausende Gleichgesinnte im gleichen Sponsorshirt zusammen saßen,  entsprach genau dem Jedermann-Gedanken und war eine Werbung für den Sponsor und den Radsport! Die aktuelle Preispolitik unterstützt diesen Gedanken und diese Wirkung nicht mehr wirklich.

Liebe Vattenfall-Manager, bitte unterstützen Sie weiter unseren Sport und die Agentur Upsolut auf einem Weg, der hoffentlich wieder etwas ’back to the roots’ führt.

ImageUnd dann noch ein kleines Zahlenspiel, das ich als Anregung verbunden mit einem sportlichen Gruß an Ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilung richten möchte:

Dieses Jahr gaben 22.000 Jedermänner mit ihren 44.000 Beinen über viele Stunden eine Menge Leistung ab, 4.500 Teilnehmer auf der 155 km-Runde, 10.000 auf der 100er und  7.500 auf der 55er Runde. Rechnet man einmal mit groben, durchschnittlichen Schätzwerten, so dürften bei der 155 km-Distanz pro Fahrer im Schnitt 200 Watt über 4 Stunden, bei den 100ern ca. 175 Watt über 2 ½ Stunden und bei den 55ern etwa 150 Watt über 1 ½ Stunden erbracht  worden sein. Damit ergeben sich fast 10.000 Kilowattstunden, dem durchschnittlichen Jahresstromverbrauch von mehreren Einfamilienhäusern.

ImageWollen Sie wirklich jedes Jahr mit ansehen, wie soviel Energie ’verschwendet’ wird ?

Weitere Informationen unter: writing a paper

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