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Rothaus RiderMan 2008
Mittwoch, 1. Oktober 2008
ImageSamstagmorgen, 08:00 h: Soeben lasse ich Köln hinter mir, um mich auf die 500 km lange Reise nach Bad Dürrheim zu machen. Bad Dürrheim? Das ist ein kleiner, beschaulicher Kurort im östlichen Schwarzwald, ungefähr auf halben Weg zwischen Freiburg und Konstanz. Mit knapp 8.000 Einwohnern in der Stadt und 5.000 Menschen im Umland lebt die Kleinstadt heutzutage in erster Linie vom Tourismus.

Traditionell findet Ende September in Bad Dürrheim aber auch der RiderMan statt und dann wird die Stadt zusätzlich von fast 1.500 Radfahrern überschwemmt. Dieses zur UCI Golden Bike Serie gehörende Rennen wurde in diesem Jahr bereits zum 9. Mal ausgetragen und bietet die wunderbare Möglichkeit an einem Wochenende die eigenen Fähigkeiten in einem Einzelzeitfahren und einem Straßenrennen zu testen.

Der Kurs ist bei beiden Rennen nahezu identisch. Die Strecke des Einzelzeitfahrens mit 20 km Länge und knapp 180 hm ist durch den zeitweise winkligen Kurs und das Höhenprofil recht anspruchsvoll. Beim Stra-ßenrennens mit 300 hm pro Runde wird diese Strecke um eine 5 km Schleife mit einem fast 1 km langen Anstieg nach Öfingen (8,6 % Steigung im Schnitt!) erweitert, die je nach Lust und Laune oder aber Tages-form ein bis sechs Mal gefahren werden kann, so dass Radrennen zwischen 25 und 150 km Länge möglich sind.

Da ich die Strecke des Rennens bereits aus dem Vorjahr kannte und meine Prioritäten beim Straßenrennen am Sonntag lagen, wollte ich mir eine Streckenbesichtigung und ein ausgiebiges Warmfahren sparen. Einige Staus auf der Autobahn ließen mich dann allerdings erst um kurz vor 13:00 h in Bad Dürrheim eintreffen und ich hatte bis zu meinem Start um 13:24 h nur noch eine knappe halbe Stunde Zeit, die ich mit der Abholung der Startunterlagen und dem eigenen Einkleiden verbrachte. Ein kurzes Einrollen und die Besichtigung der beiden ersten Rennkilometer im Ort mussten somit auch entfallen.

Image13:15 h: Jetzt aber hurtig Richtung Startrampe. Unterwegs noch kurz ein paar der üblichen Heimatlosen, die man bei fast jedem Rennen trifft, begrüßt und Infos über die Windverhältnisse ausgetauscht. Eher sehr win-dig teilt mir Gerd Mayr von Voba Nattheim mit. Na ja, nicht warmgefahren, da ist das dann auch egal!

13:23 h: Alle 20 Sekunden gehen die Fahrer auf die Strecke. Um mich herum habe ich schon wieder jede Menge hochwertiges Zeitfahrmaterial gesehen. Ich habe immerhin einen Lenkeraufsatz und den Sattel auch ein wenig verstellt. Aber wirklich Konkurrenzfähig ist das natürlich nicht. Egal, noch 10 Sekunden bis zum Start.

13:24 h: Und los ..., schnell wird beschleunigt, die Strecke führt zu Beginn durch die Bad Dürrheimer Innen-stadt und ist ein wenig verwinkelt. Dann endlich geht es geradeaus, dafür stellt sich am Ortsausgang die erste Steigung in den Weg. Der Puls ist bereits jenseits der Schwelle, irgendwo zwischen 170 und 180. Der Anstieg ist erklommen, dafür kommt jetzt der Wind ins Spiel.

13:29 h: In Hochemmingen, nach 3 km, gleich der nächste Anstieg (ca. 450 m lang mit 6 % Steigung im Schnitt), eine Baustelle und wieder geht es links, rechts, nochmal rechts, wieder links. Wie soll man so bloß in einen vernünftigen Rhythmus kommen? Nach Tuningen und Sunthausen geht es dann aber doch über lange Geraden mit überwiegend abfallender Straße, so dass man endlich einmal Tempo aufnehmen kann. Allerdings hat das Ganze hin und her zu Beginn meine Atmung so durcheinandergebracht, dass ich jetzt anfange mit Seitenstichen zu kämpfen. Also wieder etwas Tempo rausnehmen.

13:38 h: Hinter Sunthausen, die A 864 ist soeben unterquert, geht es links Richtung Öfingen. Dort werden wir uns morgen beim Straßenrennen mehrfach den Berg hinauf quälen. Jetzt geht die Strecke jedoch glück-licherweise nach kurzem Weg rechts ab. Bei km 12,6 stößt man auf die Landstraße von Oberbaldingen nach Bad Dürrheim. Die Landstraße ist gut ausgebaut, hier lässt es sich wunderbar rollen und es geht bis ins Ziel fast nur noch geradeaus.

Allerdings führt die Straße ab dem Kreisverkehr in Biesingen für 3 km mit 2,5 % immer leicht bergan bis zur Hirschhalde bei km 17,5. Und genau auf diesem Abschnitt kommt der Wind jetzt von vorn. Hier heißt es noch einmal Zähne zusammenbeißen. Auf diesem Stück sehe ich zum ersten Mal mehr als einen Konkurrenten vor mir. Das motiviert und ich kämpfe mich nach und nach an mehreren Fah-rern vorbei. Irgendwie registriere ich dabei sogar noch auf was für super Material der Eine oder Andere un-terwegs ist. Was könnte ich damit wohl leisten? Solche Gedanken lenken einen leider auch nur kurzzeitig von den Qualen ab. Die Steigung scheint kein Ende zu nehmen.

13:51 h: Endlich! Die Hirschhalde ist erreicht. Von hier an geht es einen Kilometer bergab. Also klein ge-macht, in Abfahrtsposition, den Hintern auf das Oberrohr, die Profis machen es vor. Mit 75 km/h fliegt Bad Dürrheim auf mich zu. Sobald die Geschwindigkeit nachlässt wieder raus aus dem Sattel und die letzten 800 m in knapp über einer Minute nochmal richtig Gas geben, was gar nicht so einfach ist, da die Straße zum Ziel hin leicht ansteigt.

13:54 h: Nach 20,1 km, 30 Minuten 37 Sekunden und einem Schnitt von fast 40 km/h ist das Ziel endlich erreicht. Zeitfahren ist halt immer eine Quälerei – gegen die Uhr und auch gegen sich selbst. Das sagen später auch meine Pulsdaten, die mir zeigen, dass ich zu 57 % im Spitzen- und zu 39 % im Entwicklungsbe-reich gefahren bin. Bleiben 4 % für andere Bereiche. Der Regenerationsbereich war definitiv nicht dabei!

Schön wenn der Sprecher dann verkündet, dass man eine super Zeit hingelegt hat und z. Zt. Platz 12 in der Gesamtwertung belegt. In dem Moment versucht man zwar erst einmal nach Luft zu schnappen und etwas zu trinken zu bekommen, aber man registriert das Ergebnis schon mal mit einer gewissen Befriedigung. Letztlich haben sich zwar noch einige Fahrer vor mich geschoben, doch am Ende bin ich mit einem 17. Platz sehr zufrieden.

Schnell schaue ich mich um, entdecke und begrüße meine Kameraden vom Team Strassacker und es wer-den eifrig die Erleb- und Ergebnisse ausgetauscht. Marc Leischner, der in diesem Jahr unser bester Zeitfah-rer im Team ist und im Vorjahr das Zeitfahren in Bad Dürrheim gewonnen hat, wird dieses Mal Gesamtdrit-ter.

Nachdem Franco Adamo und Marc Leischner noch am Abend die Heimreise angetraten haben, wird das Team am nächsten Morgen durch zwei andere Fahrer ergänzt. Insgesamt stehen 6 Strassacker Fahrer am Start der Straßenrennen. Sven Wawrzitz und Günter Höllige wollen die etwas längeren Distanzen unter die Räder nehmen. Die anderen Fahrer des Teams, die bereits das Einzelzeitfahren in den Beinen haben, pei-len die 100 km Strecke an, wollen die endgültige Entscheidung aber erst in der dritten Runde treffen.

ImageDer Start verzögert sich bis zur endgültigen Streckenfreigabe um 10 Minuten. Um 10:10 h geht dann der erste Startblock auf die Strecke, die Blöcke B und C folgen im 5 Minuten Abstand. Vorne in der Spitzengrup-pe (die gibt es dann ja eigentlich bei jedem Startblock – doch die Einteilung der Startblöcke erfolgt schon nach gewissen Leistungskriterien) wird gleich zu Beginn ein hohes Tempo veranschlagt. Zur schon bekann-ten Strecke des Zeitfahrens von gestern kommt jetzt noch die bereits erwähnte 5 km Zusatzschleife und so werden aus zwei Anstiegen im Streckenprofil plötzlich drei.

Ich fühle mich trotz der Belastung des Vortages sehr fit und die Steigungen stellen kein Problem dar. Die Straße ist trocken und die Sonne bemüht sich ebenfalls durch die Wolken zu dringen. Nur die Temperaturen liegen mit knapp 10° C bei weitem nicht dort wo ich sie bei einem Radrennen gerne habe. Entsprechend war morgens vor dem Start zwischen den Teamkollegen eine heiße Diskussion um die richtige Bekleidung ent-brannt. Ich habe mich dann für die umfangreiche Montur mit Langarmtrikot, Windweste, zwei Paar Socken und langen Handschuhen entschieden. Für mich die absolut richtige Entscheidung. Nichts ist schlimmer als im Rennen zu frieren und sich mehr mit frierenden Händen und Füßen zu beschäftigen als mit dem Rennver-lauf. Dabei lässt dann die Aufmerksamkeit nach und auch die Motivation in bestimmten Situationen an die Leistungsgrenzen zu gehen.

Die Besonderheit beim Rennverlauf in Bad Dürrheim ist natürlich, dass man nach jeder Runde das Rennen beenden kann. Das bedeutet auch, dass in jeder Runde die Möglichkeit besteht das einzelne Fahrer Atta-cken fahren und man nicht einordnen kann welche Rennlänge diese Fahrer absolvieren wollen. Sind es also direkte Konkurrenten oder steigen sie schon früher aus dem Rennen aus als man selbst? Logischerweise kann man nicht jede Attacke kontern und daher gelingt es auch immer wieder mal einigen Fahrern ihre Aus-reißversuche erfolgreich zu beenden, besonders wenn sich keine Mitstreiter finden, die eine vernünftige Nachführarbeit leisten. Sei es nun, dass diese Fahrer vom Potential her gar nicht in der Lage sind dies zu tun oder aber selber ganz anderen Ambitionen (z. B. längere Strecke) im Rennen haben.

So kam es bereits in der zweiten Runde am Berg in Öfingen zu einem Antritt bei denen sich vier Fahrer vom Feld absetzen konnten. Auf den folgenden Kilometern zurück nach Bad Dürrheim konnten diese vier ihren Vorsprung kontinuierlich ausbauen. Allerdings fuhren dann nur zwei Fahrer ins Ziel und machten den Sieg über 50 km unter sich aus. Die beiden anderen fuhren in die dritte Runde ein, hatten aber bereits einen er-heblichen Vorsprung und in unserer Gruppe hatte längst nicht jeder mitbekommen das sich somit immer noch zwei Fahrer vor uns befanden. Und wenn sie dann erst mal aus den Augen und damit aus dem Sinn sind, fährt man wieder sein eigenes Rennen. Es gibt halt keine Sportlichen Leiter und Knöpfe im Ohr, die einen über Abstände auf dem Laufenden halten.

Wir verließen uns jetzt also darauf, dass diese beiden Fahrer das Rennen nach drei Runden beenden (und so war es dann auch). In dieser dritten Runde merkte ich beim Anstieg nach Öfingen dann zum ersten Mal das meinen Beinen doch so nach und nach die Kraft ausgehen wird. Die Saison war halt lang und ich merke schon seit einigen Wochen, dass mir, bedingt durch eine längere Krankheit im Winter, die entsprechenden Grundlagenkilometer fehlen. Die abgesprochene vierte Runde sollte aber noch drin sein.

Diesmal kam die Attacke von zwei Fahrern schon früher, kurz vor dem Anstieg in Hochemmingen. Das kann-te ich noch aus dem Vorjahr. Leider war ich zu diesem Zeitpunkt im Feld eingeklemmt, da ich auch erst ein paar hundert Meter weiter, im Anstieg, mit dem Angriff gerechnet hatte. Meine Teamkollege Frank Stenzel war schon hinterher gesprungen und ich versuchte nun auch noch nach vorne zu fahren. Zu viert hätte man auf den restlichen 20 km bis zum Ziel eine reelle Chance gehabt. Jedoch konnten zwei der Fahrer vorne (u. a. Frank) das Tempo nicht halten und fielen langsam wieder zurück ins Feld. Vorne zog ein starker Christian Ploch, der beim Zeitfahren bereits einen sehr guten 8. Platz belegt hatte, einsam seine Bahnen.

Das Feld hinten wurde sich nicht einig. Mal gab es Tempoverschärfungen, die zumeist jedoch von mir oder meinem Teamkameraden Günter Höllige initiiert waren, sobald andere Fahrer in der Führung waren, wurde das Tempo meistens wieder rausgenommen. Es schien, dass niemand wirkliches Interesse daran hatte den Ausreißer einzuholen.

Am Kreisverkehr in Biesingen, 6 km vor dem Ziel, kam es zu einer erneuten Attacke mehrerer Fahrer. Frank Stenzel, der offensichtlich gut gefrühstückt hatte, war wieder dabei und so nahmen wir anderen Strassacker Fahrer hinten das Tempo raus. Das ist schon hart, weil es einem die ganze Zeit unter den Nägeln brennt und man selber gerne hinterherfahren möchte. Schließlich möchte man auch gerne aufs Treppchen. Aber hier zählt nur der Teamgedanke und da steckt man dann doch wieder gerne zurück.

ImageDie 3 km zur Hirschhalde hinauf mussten einige Fahrer einsehen, dass sie sich wohl doch etwas übernom-men und zu früh attackiert haben. Unser Frank fuhr jedoch weiterhin vorne weg und nur zwei Fahrer konnten langsam zu ihm aufschließen. Kurz vor der Hirschhalde hatten sie ihn erreicht und anschließend auch über-holt. Frank hatte nichts mehr zuzusetzen, befand sich aber immer noch auf einem hervorragenden vierten Platz.

Die Hirschhalde hinunter ging es noch ein letztes Mal mit hohem Tempo, bevor wir auf die ca. 1 km lange, leicht ansteigende Zielgerade einbogen. Diesmal mussten wir uns 500 m vor dem Ziel endlich links der Ab-sperrungen halten um durchs Ziel zu fahren. Zum Schluss noch einmal alle Kräfte mobilisiert und gegenhal-ten, bevor einen kurz vor der Ziellinie evtl. noch diverse Fahrer absprinten. Es hat dann für den 9. Platz ge-reicht (2. Platz in der Kombiwertung beider Tage). Die Teamkameraden Jürgen Grauschopf und Peter Wein-grill belegten direkt dahinter die Plätze 10. und 11., Frank Stenzel hatte es tatsächlich auf den 4. Platz ge-samt und 2. Platz in seiner Altersklasse geschafft, was ihm auch noch eine Podiumsplatzierung sicherte, da beim RiderMan nur die Alterklassensieger geehrt werden. Mit diesem Ergebnis hat das Team Strassacker dann auch noch die Teamwertung über die 100 km Distanz gewonnen.

Abgerundet wurde dieses erfolgreiche Wochenende noch mit den Gesamtplätzen 4. und 7. durch Günter Höllige und Sven Wawrzitz, die noch eine Runde weiter gefahren waren und nach 125 km ins Ziel kamen.

Holger Koopmann
 
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