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Granfondo Charly Gaul
Montag, 1. September 2008
ImageEs ist Hochsommer. Das merkt man nicht nur daran, dass es ziemlich schnell ziemlich warm wird im Auto. Nein, auch der dichte stopp-and-go-Verkehr auf der völlig überfüllten Autobahn spricht für den alljährlichen Reiseverkehr in der Hauptferienzeit. Dabei wollen wir noch nicht einmal in Urlaub fahren. Trotzdem hat das Ganze aber dann doch etwas miteinander zu tun.
Wir sind unterwegs auf der Brennerautobahn, korrigiere, wir stehen auf der Brennerautobahn irgendwo zwischen Bozen und Trento. Neben uns stehen deutsche Familien, die eigentlich viel lieber schon lange am Strand liegen oder mit den Rädern, die sie auf dem Dach haben, durch die Toskana radeln wollten. Auch wir haben die Rennräder dabei, doch mit einer gemütlichen Radtour hat das, was wir vor uns haben, recht wenig zu tun.

Unsere Ausfahrt heißt Trento Centro, womit wir wohl eine Abfahrt früher die Autobahn verlassen wollen, als es die meisten unserer Leidensgenossen tun werden, nämlich Rovereto Nord respektive Lago di Garda. Den berühmten See werden wir am folgenden Tag noch zu sehen bekommen, dann nämlich wird uns die Strecke des Granfondo Charly Gaul vorbei an dem beliebten Biker- und Segler-Revier führen.

ImageDas Jedermann-Rennen, benannt nach dem luxemburgischen Bergspezialisten, war eigentlich nur eine Notlösung im Terminkalender.  Da anscheinend auch ziemlich viele Radfahrer zu Urlaubszwecken die Reise nach Süden antreten, gibt es in Deutschland nur sehr wenige Renntermine. Sowohl die Lizenzrennen als auch Marathons, RTF’s und Jedermann-Rennen machen Sommerpause und da blieb uns eigentlich nur der Blick über die Alpen, wo man trotz Hitze und Ferienzeit genügend Teilnehmer für die Veranstaltungen zu finden scheint. Welch sehr spezielles Rennen wir uns da ausgesucht hatten, wurde uns erst geraume Zeit später klar.

Nachdem wir etliche Zeit sehnsüchtig die Rennradfahrer beobachtet hatten, die auf dem direkt neben der Autobahn gelegenen Radweg an uns vorbeirauschten, erreichten wir schließlich doch noch die gewünschte Ausfahrt. Unser Hotel war dann auch schon nach zwei Stunden Suche gefunden. Man hatte es uns empfohlen, da es direkt am Schlussteil der Strecke liegen würde und tatsächlich: vom Schlafzimmerfenster aus hat man freien Blick auf die Straße hinauf zum Monte Bondone.

ImageDieser Berg ist unter italienischen Radsportfans wohl so etwas wie das Alpe d‘Huez des Giro d‘Italia. Zahlreiche Legenden ranken sich um diesen meist als Schlussanstieg gefahrenen Berg, darunter auch die Geschichte von Charly Gaul. 1956 gewann dieser am Bondone bei Eiseskälte und Schneefall. Im Ziel musste man den steif Gefrorenen vom Rad heben, doch mit dem Vorsprung dieses Tages sicherte er sich den Gesamtsieg der Italien-Rundfahrt. Fünfzig Jahre später fand dann der erste Granfondo Charly Gaul statt - leider ein Jahr zu spät für den „Engel der Berge“.

ImageEr verstarb gut ein dreiviertel Jahr zuvor zwei Tage vor seinem 73. Geburtstag. Damit wurde diese Veranstaltung von der ersten Austragung an zum Gedenken an den Kletterer ausgetragen, was sich auch in der Streckenplanung niederschlug.

Zwei Runden gibt es zur Auswahl, die sich mit 109 und 124 Kilometer nicht gerade viel unterscheiden - zumindest was die Länge anbetrifft. Die lange Runde  - die gran fondo - hat allerdings noch einen Anstieg mehr zu bieten und ist so mit 2.890 Höhenmetern deutlich schwerer als die media fondo mit 1.545 Metern Anstieg. Beide Runde starten in Lagolo, einem drei-Häuser Ort ein gutes Stück unterhalb der Passhöhe des Monte Bondone. Parkplätze gibt es hier keine, das Auto bleibt am Ziel stehen und den Start erreicht man per Fahrrad. Warmfahren in der Abfahrt quasi.

ImageDas macht auch Sinn, denn die ersten Kilometer führen ebenfalls nur bergab. Nach 35 Kilometern erreicht man in Dro den tiefsten Punkt der Strecke, hier ist man dann auf Gardasee-Niveau angekommen. Es folgen ein paar flache Kilometer, knapp am Freeclimber-Paradies Arco vorbei bis nach Bolognano, wo sich die Strecke teilt. Hier sollte man auch besser auf die Schilder achten als auf das Gefühl. Schließlich biegt bei einem Rundkurs gegen den Uhrzeigersinn die lange Strecke nach links und die kurze nach rechts ab. Wer nicht wie der Autor einen Streckenplan vor sich liegen hat, kann sich die ganze Sache ja aufzeichnen.

ImageWas unlogisch klingt, wird bei genauerem Studium der Straßen aber durchaus verständlich. Die medio fondo führt um die Berge herum über den gerade einmal 290 Meter hohen Passo S. Giovanni, während sich die gran fondo über eine enge Bergstraße hinauf zu den Pässen Santa Barbara und Bordala schraubt. Beide sind über 1.100 Meter hoch und nur durch eine kurze Abfahrt voneinander getrennt. Auf den Serpentinen sammelt man dann die 15 Kilometer, die die große Schleife länger ist.

Spätestens hier haben auch wir uns dann in die grandiose Landschaft des westlichen Trentino verliebt. Waren es zunächst noch grüne Obstplantagen, die die oft schnurgeraden Straßen auf dem Weg nach Arco säumten, wechselt die Vegetation spätestens ab Bolognano auf dichten Wald. Grün bleibt es trotzdem und außerdem angenehm schattig. Zwischendurch geben die Bäume immer wieder den Blick ins Tal frei und am Horizont leuchtet das helle Blau des Gardasees.

ImageBei all der Idylle sollte man jedoch den Anstieg nicht unterschätzen. 12 Kilometer lang, über 1.000 Meter hoch - für Träumereien bleibt da keine Zeit. Dann eine kurze, knackige Abfahrt, noch einmal 300 Meter bergauf zum Passo Bordala und schließlich 15 Kilometer bergab zurück ins Etschtal.

Das Serpentinen-Zählen haben wir schon lange aufgegeben, als wir schließlich wieder auf die Strecke des medio fondo stoßen, womit ein 20 Kilometer langes Flachstück beginnt. Von Villalgarina knapp hinter Rovereto bis nach Trento erstreckt sich dieser Abschnitt, der trotz fehlender Höhenmeter nur wenig Zeit zum Ausruhen bietet. Schnell haben sich wieder größere und kleinere Gruppen zusammengefunden, die selbst jetzt noch genügend Energie aufbringen, um mit richtig Speed die Etsch aufwärts zu heizen – wohl wissend, was in Trento auf sie wartet.

ImageDass der Bondone eine Legende bei den Italienern ist, wurde ja bereits eingangs erläutert. Abgesehen von den Geschichten sorgt jedoch auch der Anstieg selbst dafür, dass er jedem Rennradler, der sich da hoch wagt, auch wirklich im Gedächtnis bleibt. Von Trento aus ist er 18 Kilometer lang und überwindet dabei 1.476 Höhenmeter, das macht im Schnitt 8,2 Prozent Steigung.

ImageAlpe d‘Huez ist zwar geringfügig steiler (8,6 Prozent), aber auch ein schönes Stück kürzer. So viel nur zum zuvor erwähnten Vergleich, den man auch bei der Anfahrt des Anstieges weiterspinnen kann. Nach ein paar das Feld einbremsenden Kreisverkehren durch den Ortsrand von Trento biegt die Straße plötzlich nach links ab, man überquert die Etsch und sofort beginnt der Berg, quasi ohne Vorwarnung.

Würde man den Anstieg irgendwann einfach als Nachmittags-Trainingseinheit fahren, man könnte ihn wohl richtig genießen. Enge Serpentinen erfordern selbst bei geringen Geschwindigkeiten eine gewisse Schräglage des Rades, was sich so herrlich schnell anfühlt, als würde man wie Charly Gaul selbst hier hinauffliegen. Nach gut 100 Kilometern und - je nach Runde - bereits etlichen Höhenmetern in den Beinen wird das ganze dann aber doch recht anstrengend.

ImageIn weiser Voraussicht haben die Veranstalter sogar drei Verpflegungsstellen entlang der Bergstraße aufgebaut und wir waren wirklich froh um jede einzelne. Die erste erreichen wir nach gut vier Kilometern im Ort Sardagna und es ist unsere letzte Hoffnung. Eine satte halbe Stunde haben wir von Trento bis hierhin gebraucht, der Akku steht schon im tiefroten Bereich. Nach einer kurzen Pause mit süßen Getränken und etwas italienischem Gebäck geht es dann aber doch weiter und der Zucker verfehlt seine Wirkung nicht.

Mit schon wesentlich mehr Druck auf dem Pedal kämpfen wir uns zum zweiten Verpflegungspunkt in Candriai, nehmen hier nur noch die Getränke im Vorbeifahren auf und biegen links ab auf die etwas besser ausgebaute Sp85, die uns zum Bondone Pass führen wird. Mit jeder weiteren der angeblich insgesamt 38 Kehren - zum Zählen war hier wirklich keiner mehr imstande - werden wir jedoch für die Anstrengungen entlohnt. Immer schöner wird der Ausblick hinunter ins Etschtal. Mal reicht der Blick gen Süden bis Rovereto, mal glaubt man, im leichten Dunst der heißen Mittagssonne das nördlich gelegene Bozen zu erkennen. Trento liegt da jedenfalls schon weit, weit unter uns.

ImageIn Vaneze folgt die letzte Labestation. Nachdem erst einmal niemand reagiert, versuchen wir es mit lautem Schreien und siehe da, man bringt uns tatsächlich Getränke bis ans Fahrrad. Der Grund für den langsamen Service ist schnell gefunden: hier oben bleiben schon deutlich mehr Fahrer stehen und belagern den Ausschank. Gut für uns, innerhalb von wenigen Metern sind so noch schnell 20 Plätze gutgemacht, bevor wir kurz darauf die Passhöhe in Vason erreichen. Hier, wo sonst die großen Rundfahrten enden, ist zwar für uns noch nicht Schluss, aber die knackige Abfahrt ist dann auch schnell gemeistert und nach fünfeinhalb Stunden Fahrt auch die letzte enge Kurve ins Ziel genommen.

Für zwei begeisterte Kletterer geht damit ein wunderschönes Rennen zu Ende, bei bestem Wetter, in sagenhafter Landschaft und an Härte kaum zu übertreffen. Wir werden wohl auch im nächsten Jahr mal wieder die Ausfahrt Trento Centro nehmen.

ImageFazit: Nicht nur der Termin ist (zumindest für uns Deutsche) ungewöhnlich, sondern auch das Rennen an sich. Der Granfondo Charly Gaul beginnt auf knapp über 900 Metern, führt dann in einer langen Abfahrt hinunter auf Gardasee-Niveau und dann mit oder ohne „Zwischenberg“ direkt in den Schlussanstieg am Monte Bondone. Dieser Anstieg ist nicht nur einer der schwersten Klettereien bei Marathons - durchaus vergleichbar mit dem Timmelsjoch zum Abschluss des Ötztalers - sondern wird zudem als finaler Anstieg gefahren. Das Ziel ist schließlich nur wenige Höhenmeter unterhalb der Passhöhe.

Ein schöneres Denkmal könnte man einem Kletterkönig wohl kaum setzen.

Marco Felgenhauer
 
http://www.haismascheepsmotoren.nl/   weiter >

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