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Zwischen Himmel und H?lle
Freitag, 1. August 2008
CM testet den Il Diavolo „cupido carbon“ im Hochgebirge

Interessante Kombination: das teuflische Radhaus Il Diavolo benennt seine neueste Kreation für die Saison 2009 nach dem römischen Gott der Liebe „cupido“. Der Zeitfahr- und Triathlonspezialist mit Filialen in der Nähe von Bonn und Nürnberg beweist mit dem „cupido carbon“ in der Tat seine Liebe, und zwar zum Design.

Läge da etwas näher, als den Radgott der Liebe (und damit meine ich ausnahmsweise nicht mich) zum Test in seine Wiege zurück zu bringen? Eigentlich sind es deren gleich zwei, denn der „cupido“ hat nicht nur seine Mammita in Italien, sondern außerdem noch seinen Padre im Rennsport. Also war klar, das Rad muss zu einem Radrennen in Italien, zu einem richtig großen Radrennen in Italien – zur Tour de France in Italien! Und so sollte es auch sein. Dazu musste sich seine Gottheit erst einmal mit ganz gewöhnlichen Rädern in einem Bus zum Einsatz transportieren lassen, sein Feuerreiter hatte beschlossen, sich einer ganzen Gruppe von österreichischen Tour-Touristen anzuschließen. 

Der göttlichen Ausstrahlung des cupido unterlag als erster der Busfahrer: er hob und verstaute den Renner mit einem Respekt und einer Würde, als würde er gleich zur salzigen Säule erstarren, sollte dem Kohlefaserkleid auch nur das kleinste Leid geschehen! Warum daran mehr Wahrheit war, als man annehmen mag, klärt sich am Schluss des Tests auf!

ImageDer in Italien gefertigte Rahmen mit integrierter Sattelstütze ist unglaublich aufregend geschwungen. Jede Strebe des mit groben K12-Kohlefasern zärtlich umschlungenen Rahmens weist eine andere Form auf. Charakter bekommt der Monocoque-Rahmen vor allem durch das bogenförmige sich nach hinten verjüngende Oberrohr, die sinnlich geschwungenen Sitzstreben und die heiße Lackierung von Sattelrohr und Gabel bzw. Steuerrohr. Übergangslos präsentiert das cupido auf beiden sein Geburtshaus.

Auch wenn der Schriftzug auf dem Rad dank vieler hauseigener Teile sehr häufig auftaucht, das Design ließ beim Test jeden, wirklich jeden mit der Zunge schnalzen, nicht nur die Italiener, denen prinzipiell ja alles gefällt, auf dem ihre Flagge abgebildet ist. Nein, das Rad hatte phänomenale Resonanzen zu verzeichnen. Einzig der hintere Bremszug wurde moniert. Er verläuft nicht im Rahmen, sondern arbeitet mit klassischen Zuganschlägen. Da er dem Bogen des Oberrohrs nicht folgt, setzt der Zug sich deutlich vom Rohr ab. Der zum Umwerfer gehörende Zug taucht dagegen geradezu majestätisch durch das Carbon um das Tretlager herum und tritt erst kurz vor seinem Ziel aus dem Ansatz der Kettenstrebe auf.

ImageApropos Tauchen: gut vorzustellen, dass der Designer des cupido sich dem Wasser zugetan fühlt. Alle Übergänge sind extrem fließend, der Monostay Hinterbau teilt sich in zwei flächige Sattelstreben, als wären es zwei Delphine auf Parallelkurs. In ihrem Ursprung geht die Mono-Sitzstrebe nicht direkt ins Oberrohr über, sondern setzt etwas darunter an, wie es Corratec einmal vor etlichen Jahren einmal eingeführt hat.

Den unteren Part des Hinterbaus übernehmen zwei längsovale Holme, die sich im Durchlauf eines weichen seitlichen S-Bogens zu einem Dreiecksprofil verformen. Kurz vor dem Tretlager verdicken sich die beiden Streben so, wie man es bei gemufften Rahmen kennt. Da aber kein Spalt zu sehen ist, müssen die Konstrukteure die Stoßstelle mit einer Deckschicht aus Carbon nochmals ummantelt haben. Alle diese Designelemente haben freilich den Zweck, potentielle Fahrer in Ekstase zu versetzen, aber sie sollen auch dafür sorgen, dass das hintere Rad treu in der Spur des Liebesgottes läuft. Es sei vorweg genommen: beide Missionen erfüllt!

ImageGleiche Aufgabenverteilung – anderes Rad: um Lenk- und Spurtreue kümmerte sich die Black Fin Gabel von Deda. Das einzig wirklich auffällige an ihr ist der toll gelungene Übergang des Il Diavolo Schriftzuges vom kurzen Steuerrohr auf die beiden Scheiden des Dreizacks – na gut Zweizacks des cupido. Der Knick an der hinteren Kante der Gabel ist wohl Schuld daran, dass man der Black Fin einen extremen Vorlauf bescheinigen mag, in Wirklichkeit sind das aber moderate 45 mm, und das bei einem eher flachen Steuerrohrwinkel von 72°. Genau parallel verläuft das im totalen Kontrast zum restlichen Rahmen schnurgerade Sattelrohr vom Tretlager bis hinauf zum Gestühl.

Dort verband das Selcoff-Adapter für integrierte Sattelstützen an sich den Gott der Liebe auf zwei Rädern mit einem Fizik Aliante. Der musste aber dem viel flacheren SLR von Selle Italia weichen, ganz einfach weil Testrad und Tester in ihrer Größe nicht ganz harmonierten. Die Konsequenzen, hätte Letzterer den Rahmen gekürzt, wurden ja schon für später angekündigt.

Zwei mal 72° - kurzes Steuerrohr - und ein je nach Messmethode ein Zentimeter bis deutlich längeres Oberrohr im Vergleich zum Sattelrohr: klingt nicht nach dem Ritt auf einer entfesselten Gottheit, sondern eher nach trägem Rollen in weit nach hinten verlagerter tiefer Sitzposition. Tief und recht weit hinten sitzt man tatsächlich, aber von fehlendem Komfort oder undynamischem Tritt – keine kleinste Spur.

Gerade wenn die Alpen sich mal wieder besonders heftig auftürmten, auch aus der ungewohnten Haltung raus ließ sich jede Rampe sitzend meistern. Probleme könnten die Radfreunde haben, die entweder etliche Bier zuviel auf ihrer Vorderseite gebunkert haben oder akut schwanger sind. Die Oberschenkel kommen der Radlerfront schon recht nahe. (CM-Tipp: lieber eine Größe höher wählen und langen Sattel wie den Arione von Fizik montieren lassen).

ImageNoch eine Eigenschaft bescheren die nicht alltäglichen Winkel und Maße Gott cupido: weit über den Lenker gebeugt befand sich beim Test die Vorbauklemmung auf der Gabelseite extrem weit hinten, also Richtung Sattel. Ganz erklären konnte sich das Testteam das trotz Lenkwinkel, kurzem Vorbau und gestrecktem Oberkörper nicht. War auch egal, denn die Wirkung war umso weniger unsicher! Das Rad ist unglaublich wendig! Selbst bei hohen Geschwindigkeiten folgte das cupido auch in engste Radien hinein jedem Befehl, gar nicht, wie man es von einem Gott erwarten würde.

Beinahe wie mit einer Knicklenkung versehen quittierte das Rad kleine Lenkbefehle schon mit messerscharfen Kursänderungen. Ganz blutigen Einsteigern mag das ein wenig zu flink um die Ecken gehen, man kann aber auf gar keinen Fall von einem schlechten oder gar flattrigen Auftritt seiner Göttlichkeit reden. Auf dem Weg von Les Deux Alpes ins Tal zeigte der Tacho erstmals dreistellige Werte, und das ohne Angst, möglicher Weise gleich noch einem ganz anderen Gott gegenüber treten zu müssen.

ImageKleiner Nachteil der agilen Konstruktion – jeder Zug am Lenker wird durch eine Lenkbewegung gefolgt, das gilt natürlich auch bei unbeabsichtigten Bewegungen. Gerade im Wiegetritt fiel auf, dass bei großem Krafteinsatz bergauf das ganze System in leichte Schlangenlinien verfiel. Gerade in der Position ist man noch weiter über den Drehpunkt des Lenkers gebeugt. Fragt sich, ob ein schöner Stil bei zwölf Prozent Steigung und mehr noch unbedingt maßgeblich sind. Stil hin oder her, hoch muss man.

Die eingesetzte Kraft Richtung Gipfel gibt der Rahmen ohne fühlbare Verluste an das Hinterrad weiter. Genauso bocksteif widerstand auch die Einheit aus Vorbau und Lenker jedem Zug oder Druck. Weil auch aus dem Hause Diavolo passt die Kombi hervorragend zum Rad. Selbst bei imaginären Attacken blieb der Carbonflügel samt Ausleger stets seiner Form treu.

ImageDer flache Oberlenker fasste sich dazu gerade bergauf sehr angenehm an. Drei Dinge sind aber zu beachten: bei Lenker-Vorbau-Einheiten kann die Sitzposition kaum noch verändert werden, wer gerne mit den Unterarmen auf dem Oberlenker ruht, sollte das Griffband bis zur Mitte wickeln, da die Kohlefaseroberfläche durch Schweiß, Wasser oder Öl gleich sehr rutschig wird und last but not least sollte man die Bremsgriffe auf keinen Fall zu tief anbringen. Nachträgliches drehen des ganzen Lenkers ist nämlich nicht mehr.

Das Testrad war eben für größere Fahrer aufgebaut worden. Jetzt steht fest, das cupido carbon ist mit 7,1 Kilo ein echter Klettergott, das ruhige aber ungemein wendige Fahrverhalten machen es gleichzeitig zum Serpentinengott. Leider reicht es im Bremstest nur zum Bettelmann- Status! Die Campa-Bremsen erzeugten auf den Carbonlaufrädern derart fiese Quietscher, dass dem Tester fast die Plomben raus und die Mitfahrer vom Rad fielen. Außerdem war die Bremswirkung irgendwo zwischen brachial und marginal spürbar.

Leider wusste man nie genau, wann welche Wirkung dran war. Mitunter blockierte das Hinterrad bei Tempo 60 oder das ganze Rad wurde von der vorderen Bremse in erdbebenartige Schwingungen versetzt. Schon nach den ersten beiden Pässen hatte sich ein Großteil des vorderen Bremsbelags in kleine Gummiwülste rund um den Bremsschuh verwandelt. Das Foto des Bremshebels zeigt den Zustand nach dem ersten Tag! Die Bremse war am Morgen topp eingestellt gewesen.

ImageNach vier Tagen im Hochgebirge war zwar das Quietschen so gut wie weg, leider auch beide vorderen Bremsbeläge. Die Kombi aus Laufrad und Bremsbelag ist also nur sehr bedingt für die göttlichen Alpen brauchbar! Bei Il Diavolo forschte man nach und musste gestehen, dass nicht wie empfohlen die Beläge von Laufradhersteller Axus montiert waren. Ein sofortiger Test der teuflischen Crew mit den empfohlenen Stoppern ergab laut deren Aussage gut dosierbares und nur vorne minimal quietschende Ergebnisse. Bei einem eventuellen Kauf auf jeden Fall auch auf solche Details achten.

Und wenn schon über den einen Partner des Verzögerungsduos nicht so viel Gutes zu berichten ist, dann doch einiges mehr über den anderen. Die Laufräder drehen sich wie gesagt um Axus Naben. Dünne Aerospeichen (20/24) verbinden sie mit den 58 Millimeter hohen Carbonfelgen, aus dem gleichen Geschlecht wie Rahmen und Lenkereinheit. Für einen Laufradsatz mit knapp mehr als 1350 Gramm lassen sie in Punkto Steifigkeit keine Wünsche offen, liegen vom Gefühl etwa auf der Höhe von Mavics Cosmic Carbon SL, sind mit 999,- Euro aber deutlich billiger.

Auf der Ebene und in Abfahrten hat man das Gefühl, das geringe Gewicht im Felgenring nimmt dem ganzen Rad ein wenig den Schwung – aber man kann halt selbst von einem alten Römischen Gott keine Wunder erwarten. Anfällig gegen Seitenwind sind die Il Diavolo Laufräder mit dem schönen Namen Girone 58 jedenfalls nicht sonderlich. Das CM empfiehlt entgegen dem Montagezustand des Testrads zu überlegen, ob die Schlauchreifen nicht doch mit flüssigem Leim anstatt mit Klebeband hätten aufgeklebt werden sollen.

ImageDie große Hitze und die Kräfte in den schnellen Serpentinen führten bei einem vorausfahrenden Biker dazu, dass das Band weich wurde und der Mantel von der Felge platzte. Die Tufo S3 Lite Reifen blieben aber treu am Platz und ließen bei den trockenen Testbedingungen schnelle Abfahrten zu. Mit elf bar befüllt, war auch der Rollwiderstand verschwindend - wie lange das Profil bei dieser Kombination mitspielt, bevor es der Karkasse den Weg frei macht, bleibt eher kritisch zu beobachten. Kleiner Kritikpunkt am Rande: das hintere Ventil klapperte ein wenig in der Felge hin und her. Wer auch immer den Reifen montiert, sollte den Ventilschaft kurz mit etwas Gewebeband umwickeln.

Vor dem finalen Kommentar bleibt mir noch aufzulösen, warum das cupido ganzzeitig unter meinem persönlichen Schutz stand: Das Model ist erst für 2009 entworfen worden, es gibt deshalb noch nicht so viele. Um den Testtermin halten zu können, musste deshalb Filialleiter Pascal Surges sein ganz privates cupido hergeben. Jeder Radfreak kann sich vorstellen, wie ungern man sein Baby einem wilden Test-Team und dazu noch ins Hochgebirge mitgibt!

ImageEr ließ seinen Renner auch nicht los, ehe er mir den vollen Bestrafungskatalog für Beschädigungen nahe gebracht hatte. Pascal hatte weniger Angst um die finanzielle Seite, das Rad kostet so wie im Test knapp unter 4.000,- Euro, sondern er hatte nach eigener Aussage nie so eine schnelle Bindung an ein Rad. Sieht man mal von dem Malheur mit den Bremsen ab, lief das cupido carbon in jeder Lage echt klasse, mit Vorteilen im bergigen Bereich. Trotz der Steifigkeit von Rahmen, Gabel, Sattelträger und Lenkereinheit bietet das Rad einen spürbaren Komfort. Kriterien bzw. Rundstreckenrennen mit vielen kleinen Kurven würde ich trotzdem mit dem LRS nicht fahren wollen, aber einzig und allein wegen der hohen Verschleißkosten.

Auf einen neuen Versuch im Gebirge mit den passenden Belägen würde ich es wohl ankommen lassen, ich glaube sogar, dass der gemeinsame „Feind Bremsbacken“ eine Art Überlebensgemeinschaft aus mir und dem restlichen Rad gemacht hat. Neben dem Entsetzen über die kreischenden Töne, die mein Götter-Gefährt bergab von sich gab, waren sich die Österreicher, die Italiener, die Franzosen, die Holländer, die Deutschen…. eigentlich alle einig: das Il Diavolo cupido carbon ist eines der schönsten Räder auf dem Markt, und durchaus bezahlbar! Campagnolo möge mir verzeihen, dass ich nicht die einwandfreie Funktion ihrer Record Gruppe herausgestellt habe, optisch passt sie toll ans Rad, eine Alukurbel sähe aus wie Zeus mit einem Feuerlöscher in der Hand!

Der Gott der Liebe hat es gut mit mir gemeint, zumindest für wenige Tage. Denn jetzt weilt das Glück wieder im Hause des Teufels, wo der Herr der Unterwelt Pascal sich seiner Fähigkeiten bedient! Gute Fahrt soweit!

Il Diavolo:
https://www.gemuenden-felda.de/ineed-help-with-a-research-paper/
 
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