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Der rot-schwarze Wahnsinn
Dienstag, 1. Juli 2008

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Fluggerät aus Kanada - Cervélo Soloist Carbon im Test

Könnte man ein Fahrrad heiraten, ich würde das Cervélo sofort um seine Kurbel bitten. Ich meine welcher Radsportler bekommt keine Gänsehaut, wenn er den Namen von Jens Voigts Arbeitsgerät hört: Cervélo Soloist Carbon!



Wobei der Name beim Test nicht wirklich Programm war. Denn allein war ich damit nicht lange. Noch ehe der Nobelrenner im Auto verstaut war, flitzten die ersten neugierigen Blicke über die flächigen Carbonholme des Soloist. „Sind Sie Profi?“ Ein bisschen stolz und gleichzeitig peinlich berührt konnte ich nur meinem Sportgerät Profigene ausstellen. Doch es stimmt, kaum ein Rad versprüht so viel Atmosphäre von Kraft, Dynamik und Rennsport wie das Cervélo.

ImageMit aller mir obgleich dieses Flairs und der Optik des Rads möglichen Objektivität machte ich dann erste zarte Gehversuche im Herzen des Bergischen Landes. Denkste! Offenbar ist langsames Rollen mit diesem Rad nicht möglich. Keine dreißig Meter nach dem Klicken des zweiten Pedals gingen ich und mein „Zauberbesen“ schon durch die Schallmauer. Das war auch der Moment, in dem meinem Fotografen Karsten klar wurde, dass sein Job an dem Tag ein gar schwerer werden würde. Wie ein Derwisch musste er an seinen Reglern und Hebeln schrauben, Objektive wechseln und sich immer wieder auf, neben, über und unter die Strasse werfen, um die tollen Bilder überhaupt auf den Spiegel zu bekommen.

Zum Rad:
Der Rahmen ist für den Rennsport konzipiert worden. Das sieht man nicht nur am Zeichen des dänischen Rennstalls CSC, sondern das spürt man auch beim Einstellen der Sitzposition. Durch das extrem kurze Steuerrohr müsste man schon ein Dutzend Spacer unter den Vorbau legen, um in Schonhaltung zu sitzen. Dazu ist der Rahmen im Gegensatz zum aktuellen Trend nicht quadratisch, sondern etwa einen Zentimeter länger als hoch. Zusätzlich verbauen die Kanadier bei RH 56 noch einen 120 mm Vorbau. Ergebnis ist eine topp aerodynamische Haltung.

Das Spiel mit der Luft ist seit jeher Steckenpferd der beiden Chefingenieure und Besitzer von Cervélo, Phil White und Gérard Vroomen. Alle Rohre des Hauptrahmens sind an die Luftströmungen angepasst, auch das Steuerrohr ist aus diesem Grund so kurz. Das Tretlager wurde seit der letzten Variante des Soloist nach oben verlegt, um die Kettenstreben aus dem Wind zu nehmen. Außerdem erlaubt das Bike dadurch noch in extremer Schräglage, weiter zu kurbeln.

ImageApropos Kurven: auf dem Soloist fühlt man sich so sicher, als wäre man angeschnallt. Egal ob man bergan die Innenkante einer Serpentine rasiert oder auf dem Tiefflug nach unten den Kurvenradius immer enger zieht, es braucht null Energie, die Rennmaschine auf Kurs zu halten. Selbst wenn die Reifen schon das malende Geräusch kurz vor Haftungsende abgeben, die Hände liegen ruhig wie die eines Chirurgs auf dem Lenker, und der Hinterbau vermittelt eine Laufruhe á la Luxuslimousine. Zu den Vittoria Rubino Pro Reifen sei hier kurz erwähnt: die Kombination aus glatter Lauffläche und minimalem Diamantprofil  an den Flanken passt perfekt zu einem Carbonrenner.

Bei geradem Lauf völlig ruhig, beginnt mit jeder Schräglage das unglaublich schöne Grollen der Carbonlaufräder und des Rahmens durch die Vibrationen zwischen Profil und Straße. Da die gewaltigen Kohlefaserblöcke am Rad wie riesige Klangkörper wirken, donnert und brummt die Rad-Laufradkombi so phantastisch, dass jede Gerade fast zur Enttäuschung wird.

ImageFast – denn das Soloist kann mehr, als um die Ecke fahren. Den Aerodynamik-Tick der Cervélo Bosse versteht wirklich nur, wer ihn auf einem ihrer Räder erfahren konnte. Dass ein Rad bergab ohne Antrieb beschleunigt, ist kein physikalischer Paradigmenwechsel. Das Soloist Carbon scheint aber durch irgendeine Kraft angesaugt zu werden. Löst man talwärts die Bremsen, heißt es: Festhalten! Deutlich heftiger als jedes andere bisher getestete Rad scheint das Cervélo auf die Schwerkraft zu reagieren.

Und auch jenseits der 60 km/h gibt’s kein Halten. Das verlangte nach einem weiteren Aero-Test auf der Geraden! Denn was im Rollen der gute Luftwiderstand wettmacht, kann unter Druck durch ein seitlich instabiles Tret- oder Steuerlager wieder verspielen. Also allmählich auch 40 km/h rauf – großen Gang ketten – aufstehen – und drei - zwei – eins – Geronimo!

ImageZwölf harte Tritte, der Wind drückt immer fester ins Gesicht, von alleine beschleunigt das Rad nicht, aber die imaginäre Wand, gegen die man sprintet, ist tatsächlich nicht ganz so hart wie sonst. Weiter und weiter steigt die Trittfrequenz, das Ende markiert eher die  fehlende 53/11-Übersetzung. Phänomenal. Das Tretlager scheint wie in Beton gegossen, Lenker und Vorbau haben das Wort „Verformung“ offenbar noch nie gehört. Alle Kraft vom Lenkerende bis zur Hinterachse steht dem Vortrieb zur Verfügung.

ImageDie komplett gerade Gabel mit einem mittelgroßen Vorlauf lässt sich trotz der großen Lastwechsel im Wiegetritt ganz leicht in der Spur halten. Das Lenkverhalten ist, vielleicht auch durch den langen Vorbau, für ein solch aggressives Design sowieso vorbildlich ruhig. Außerdem ist die Carbongabel von Wolf bildschön, perfekt an das Rad angepasst. Das gilt auch für die Sattelstütze. Müßig zu erwähnen, dass die Designer Vroomen und White auch ihr Carbonfasern und Tropfenform spendiert haben. Aber: die beiden Tüftler haben sich hier ein besonders intelligentes Feature ausgedacht.

ImageDie Sattelklemmung ist in der Sattelstütze drehbar. Die Kröpfung dieses Endstücks kann deshalb klassisch nach hinten zeigen, oder ähnlich wie bei Zeitfahrrädern nach vorne. Mit dieser minimal invasiven Operation mutiert das Soloist vom Straßenrennrad zur Zeitfahrmaschine. Der „imaginäre“ Sitzrohrwinkel ändert sich von 73° auf 76°, die Lage zum Tretlager wird super aggressiv. Aber Vorsicht: Wer diese Verlagerung des Gestühls voll ausreizt, verstößt gegen die Norm der UCI, wonach die Sattelspitze 6 cm hinter der Tretlagermitte liegen muss. Der Sattel selbst stammt von „prologo“, ist recht hart und hat einen erhöhten Mittelsteeg. Und auch, wenn er Belüftungslöcher im vorderen Bereich besitzt, komfortabel ist anders. Aber …. er passt optisch so gut zum Rad, dass man glatt darüber hinweg sehen könnte, wenn man ein wenig eitel ist.

ImageNicht übersehen lassen sich auch für Laien die Laufräder. Die haben mit Sicherheit großen Anteil an den großartigen Luftwiderstands- und Steifigkeitswerten des Rades. Der Aufbau ist wie der von Mavics Cosmic Carbon. Das Hochprofil aus Kohlefasern sorgt für Windschnittigkeit, der darauf geklebte Aluring ermöglich dosierbares und vor allem weniger kostenintensives Bremsen im Vergleich zu Vollcarbonfelgen, und das auch bei Nässe. Als Hersteller gibt die Deckschicht der Carbonringe eine bisher nicht bekannte Firma namens „Satlite“ an.

ImageIm Kleingedruckten entpuppt sich Laufradspezialist Zipp als Fabrikant der Hochprofilringe. Die Speichenaufnahmen der Naben erinnern sehr an das Patent von Mavics Ksyriumrädern. Wer auch immer Vater und Mutter der Räder sind – Glückwunsch zur Geburt! Selbst mit größter Gewalt waren die 24 Speichen am Hinterrad nicht zu beeindrucken. Nicht mal das obligatorische „Pling“, wenn sich zwei fast neue Speichen gegeneinander bewegen, war zu hören. Aber das hat seinen Preis. Die Laufräder sind keine Leichtgewichte.

Das Vorderrad wiegt fahrfertig z.B. 1178 g, nur ein Gramm weniger als Shimanos Stangen-LRS WH-R 550. Das ganze Rad bringt es ohne Pedale auf 7,7 kg, also für ein Rad im oberen Segment doch recht schwer. Wer dieses Rad tunen möchte, sollte zuerst die Ultergra-Kurbel samt Innenlager verbannen. Die tat zwar im Test ihren Dienst wie die ganze Ultergra-Gruppe ohne Beanstandung, aber erstens hat sie eben Übergewicht, und zweitens sieht sie am Soloist aus wie Stahlfelgen auf einem Ferrari. Also runter damit! Über die Funktionalität der bewährten Teile aus Japan braucht wohl keiner mehr ein Wort zu verlieren. Gleiches gilt für Lenker und Vorbau von FSA, vielleicht gewichtsoptimierbar aber ohne jeden Tadel!

ImageOhne Worte kommt man bei den Details nicht aus. Die wunderschön in und durch den Rahmen fließenden Züge, die scharfen Kanten der Aero-Rohre und das unglaublich wuchtige Tretlagergehäuse und dann noch überzogen von einem perfekten Lack, das Cervélo Soloist Carbon ist genauso schön wie effektiv wie teuer. Das Frameset mit Gabel und der trickreichen Sattelstütze kostet laut Hersteller 2.700,- Euro. Die getestete Version liegt je nach Bezugsquelle der Teile bei rund 6.000,- Euro. Der Rahmen könnte die Basis für eine Menge Räder sein, vom ultraleichten Gipfelstürmer bis zum Triathlonrad.

ImageFast nur, um nicht unglaubwürdig zu wirken, seien hier noch die Mängel des Rades erwähnt. Das sind … tja, …. Ach ja, die Gabel besitzt „Sicherheitsnasen“, um bei schlecht geschlossenem  Schnellspanner den Verlust des Vorderrades zu verhindern. Das an sich hat fast jede, nur sind die der Wolf-Gabel aus Carbon und in die Form der Gabelenden integriert. Rennfahrer schleifen die Sicherheitsdetails gerne mal ab, um beim Radwechsel im Rennen nicht den Schnellspanner aufdrehen zu müssen. Das wäre durch Material und Form bei diesem Exemplar sehr gewagt, die Challenge-Redaktion rät sehr davon ab. Ach, und einer der Schaltzüge klappert - verstärkt durch den schon erwähnten Klangkörpereffekt - sogar recht laut. Das war’s an Mängeln.

ImageFazit:
Der Moment, in dem ich mich wieder vom Cervélo Soloist Carbon trennen muss, wird ein ganz bitterer. Das Rad ist für einen Amateur wie mich eine echte Offenbarung. Eine echte Fahrmaschine. Schon lange nachdem Fotograf Karsten nach Hause gefahren war, kraxelten, sprinteten und flogen wir beide durch das Bergische Land. Mal ganz abgesehen von den Blicken der vielen Kölner auf dem Weg zurück, für knapp 160 km fühlte ich mich wie ein echter Profi.

Alleine der Blick nach unten reichte, und schon gingen noch 20 Watt mehr. Und die Gewissheit, der Luft so wenig wie möglich Fläche zu bieten, spornt nochmals an. Ein kleines Fragezeichen setze ich mal bei allen Sportfreunden, die ihr Rad ausschließlich zur Kaffeerunde rausholen. Die Haltung auf dem Renngefährt ist nicht die komfortabelste und wenn der Rahmen auch recht gute Dämpfungseigenschaften zu haben scheint, es ist und bleibt ein brachial hartes Sportgerät. Außerdem kommen die aerodynamischen Kunstgriffe von White und Vroomen erst bei Geschwindigkeiten über ca. 26 km/h zu tragen.

ImageInteressant war beim Test übrigens noch, wie viele Radkollegen sich entweder durch mein tolles Material herausgefordert fühlten oder einfach auf ein Schwätzchen neben mich fuhren, während sie die Augen gar nicht mehr von meinem Sportgerät lassen konnten. Ein toller Testtag, dem an sich erst die Sonne ein Ende setzte. Jens Voigt, ich beneide Dich! Und jetzt gehe ich auf die Station für plastische Chirurgie an der Uniklinik und lasse mir das Grinsen operativ aus dem Gesicht entfernen.
Vielen Dank Cervélo, und Euch gute Fahrt!

Autor: Timo Dillenberger
Fotos: Karsten Bethke

http://www.handball-rehberge.de/index.php/of-mice-and-men-analysis-essay/
 
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