Samsonman
Montag, 30. Juni 2008
Eine anstrengende und schöne Fahrt mit Gerrit Glomser

ImageZum 20. Mal wurde der Samson Radmarathon im Österreichischen Sankt Michael im Bundesland Salzburg ausgetragen. Er gehört seit vielen Jahren zu den Kult-Verstaltungen der Marathon-Szene. Zwischen vier anspruchsvollen Strecken über 54, 108, 160 und 220 km können die Hobby-Fahrer wählen. Zum 20jährigen Jubiläum wurde in diesem Jahr zusätzlich ein Rennen der Tchibo TOP.RAD.LIGA ausgerichtet, einer Serie für Elite-Fahrer, die aus neun Rennen besteht.

Am Start waren unter anderem drei Fahrer und eine Fahrerin des Picardellics Velo-Team Dresden. Matthias Reinfried beschreibt seine Erlebnisse auf der Samsonman - Ultra Strecke über 220 km mit 4600 Höhenmetern.

Was mache ich eigentlich allein hier vorn - allein vor dem Feld - am 3. Anstieg des Tages?
Nur gut, dass gleich die Streckenteilung erreicht ist. Vielleicht fahre ich doch die Classic Strecke? Sie ist immerhin 60 km kürzer. Also wo ist die Streckenteilung? Irrtum, die kommt erst bei Kilometer 103 und der Zähler zeigt nur 72 km an - ein Anstieg zu früh gefreut! Was solls, die Landschaft ist herrlich, es ist warm und sonnig, gleich kommt wohl wieder eine Abfahrt und noch ein Anstieg - das müsste der hinauf nach Flattnitz zur Streckenteilung sein. Egal, denn irgendwann werden andere Fahrer zu mir aufschließen, dann wird es einfacher … oder?

ImageDa haben wir es also endlich einmal wieder geschafft, zu einem Alpenmarathon zu reisen, immerhin zu viert - Martin, Holger, Sandra und ich - zum legendären Samsonman.

Nach langer Autofahrt geht es Sonnabend noch auf eine abendliche, beschauliche und etwas bergige 1 ½ stündige Runde zum Einrollen entlang der Muhr. Anschließend erfolgen die letzten Handgriffe am Rad, Nudelnessen und Fußball schauen.

ImageNach der morgendlichen hektischen Betriebsamkeit  erreichen wir um 6:45 Uhr das Ende der Startaufstellung und ich überzeuge Holger davon, besser weiter vorn Platz zu nehmen. Der Himmel ist wolkenlos, also wird es sicher sehr warm werden. Der Start erfolgt und auf geht es neutralisiert und ruhig durch den Morgennebel. Schon naht der erste Anstieg, also halten Holger und ich uns in den vorderen Reihen auf. So geht es immer höher hinauf. Als ein Fahrer plötzlich beschleunigt, fahre ich mit; sicher werden bald alle dranhängen ... nein, wir bleiben allein und der Abstand wächst - oh Schreck mein Puls! - ich lass den ambitionierten Kerl fahren - später, weiter oben hole ich ihn wieder ein und wir fahren gemeinsam bis zur Passhöhe.

ImageDann kommt die erste längere Abfahrt, sehr holprig und eng. Unten angekommen geht es sofort in den nächsten Anstieg, hinauf zur Eisenhöhe auf 2042 m. Mein Begleiter von zuvor ist weg - und wie er mir im Ziel berichtet, hat er sich mit Durchfall zurück geschleppt - mit einer Mischung aus Redbull-Cola-Iso hätte ich auch Durchfall bekommen. Ich fahre also allein vornweg in meinem Tempo und bald weichen die Bäume und geben den Blick auf die herrliche Landschaft frei, die Sonne wärmt bereits kräftig (mir läuft der Schweiß in Strömen).

ImageDer Blick zurück zeigt 2 Fahrer und eine Gruppe von etwa 8 weiteren Fahrern, bei denen sich Holger befindet. Und wieder geht es hinab ins Tal - endlich mal wieder lange Abfahrten und Anstiege …. Der Fahrer des Begleitmotorrads ruft mir etwas von einer Minute Vorsprung auf zwei Verfolger und drei Minuten auf eine Gruppe zu, ich winke ab, denn es ist noch weit bis ins Ziel. Ob es eine gute Idee war, gleich am ersten Berg Hirn gegen Bein zu tauschen und allein vornweg zu fahren? Jetzt müsste also die Streckenteilung oben auf der Passhöhe kommen - leider ein Irrtum, denn es ist der Anstieg davor, das kommt davon, wenn man sich das Höhenprofil nicht auf den Lenker montiert (und das Hirn …).

ImageAuf der Abfahrt versuche ich, mich etwas zu erholen, und mit Rückenwind und leichtem Gefälle fahre ich zügig weiter zum nächsten Berg. In der Ebene sehe ich die beiden Fahrer hinter mir näher kommen. Als der Anstieg beginnt, nutze ich die Gelegenheit zum Wasserlassen, die beiden kommen heran und wir fahren gemeinsam den Anstieg nach Flattnitz, also der Streckenteilung, hinauf - bissel schnell denke ich noch … „Wie heißt ihr?“ äääääääääh … „Matthias“, „Alois“, „ich bin Gerrit“ - und lacht uns an - „ja ich weiß“ antworte ich. Dass Gerrit Glomser mit am Start ist, wurde bereits vom Sprecher am Start angekündigt. Er meint, er würde jetzt hochfahren zur Labe, etwas zu trinken auffüllen und auf uns warten.

ImageAls ich erwähne, dass ich auch mal Flaschen auffüllen müsse, bietet er mir an, meine Flasche schon mit hinauf zu nehmen. An der Labe schwatzt er schon mit allen Umstehenden, meine Flasche ist bereits voll, Alois biegt auf die 160 km Classic-Strecke ab und wir beschließen, zu zweit weiter zu fahren. Zu zweit ist es viel besser als allein, aber es sind auch noch 120 km. Die Abfahrt fix hinunter gefahren, wechseln wir uns auf den flacheren Abschnitten im Wind ab und weil es Rückenwind ist, geht es flott voran.

ImageWieder kommt ein Anstieg, 20 m Abstand zu Gerrit, er schaut zurück, „geht’s?“ - „najaah hagrr - sbsschnell“ … Wir fahren gemeinsam hinauf in einem Tempo, das ich schaffe - irgendwie sind die Beine so schlapp … Gel und Riegel hinein. Bei der Wärme (gefühlte 40°C + Rückenwind - gleich kocht es) lassen sich die Riegel kaum essen, außerdem ist mir schon halb schlecht. Holger hat es derweil schon erwischt. Mit Magenkrämpfen, wie er im Ziel berichtet, ist er die Berge so langsam wie noch nie hochgefahren. Aus der 8er Gruppe, die ich noch sah, fiel er daher heraus und später, als er sich etwas erholt hatte, mit Sandra die 160 km Runde.

Wir fahren den nun flacheren Teil der Runde zu zweit weiter und kommen gut voran. Gerrit bietet mir ein Nutella an, was ich dankend ablehne. Inzwischen haben wir einen Abschnitt mit starkem Gegenwind und müssen kräftig treten, allein wäre es undenkbar für mich. „Ganz schöner Wind - gut, dass ich das Nutella habe, willst du doch eins?“ Ich lehne wieder ab, ich weiß nicht, wie ich überhaupt etwas essen soll, was nicht flüssig ist. Leider ist mein Gel fast alle. Der Fahrer des Begleitmotorrades gibt uns Wasser, das hat ca. 35°C - eine echte Erfrischung. Glücklicherweise erreichen wir nun die Labe.

ImageEndlich eine Pause - Wasser, Iso, Apfelsaft, Melone und Rührkuchen, bei dem Gerrit zuschlägt und unserem Begleitmotorradfahrer vorschlägt, einen ganzen Kuchen einzupacken und feststellt, dass wir sicher die Einzigen ohne Begleitfahrzeug sind, die hier vorn im Rennen sind. Irgendwo hier bei km 150 erwischt es wohl auch Martin mit einem kleinen Einbruch, bis dahin war er noch in der nachfolgenden 4er Gruppe, zu der wir etwa 5 Minuten Vorsprung hatten. Da es „nur“ noch 70 km, etwa 800 hm sind und wir Rückenwind haben, lassen wir es ordentlich laufen. Eigentlich bin ich breit und die Beine sind leer, aber die „Mitfahrgelegenheit“ ist so klasse, da muss ich mitmachen. Zum Glück kommt wieder eine Labe und kurze Pause, bei 7-9 Minuten Vorsprung auf die Verfolger geht das. Es gibt wieder Wasser, Iso, Apfelsaft und Melone, der Rührkuchen bleibt liegen, aber dafür schreibt Gerrit Autogramme.

Ich fahre schon einmal voraus, jedoch nur kurz, schon ist er wieder da. Als er vorschlägt, los zu fahren, frage ich, ob wir nicht noch das Stück bis zum Anstieg zusammen fahren könnten. Es ist für ihn in Ordnung und ich solle mich hinten reinhängen. Meine Beine sind noch leerer … 9 Minuten Vorsprung, der Anstieg naht, wir verabschieden uns bis zum Ziel und Gerrit macht sich auf und davon. Noch etwa 35 km allein - das wird noch hart, denke ich, Kaffee oder Cola oder Redbull wären gut aber leider nicht zu erhalten. Ich beginne zu rechnen: 9 Minuten Vorsprung minus 3 Minuten am letzten Anstieg einbüßen und 2 Minuten je 10 km … aber dazu müsste man ja total einbrechen, die anderen sind ja auch nicht mehr frisch, es müsste also reichen, vor den Verfolgern das Ziel zu erreichen.

ImageEs geht wellig dahin und je näher das Ziel kommt, desto mehr Gegenwind ist auf der Strecke, also horche ich in mich hinein, achte auf die seit Kilometern angedeuteten kleinen Krampferscheinungen der Oberschenkel, schaue auf Puls und Trittfrequenz. Der Rücken schmerzt ohnehin schon lange, Nacken, Arme, Hände auch und die Beine sowieso - eigentlich alles; egal und wenn ich nicht so darauf achte, geht es. Wieder eine Rechenübung zu Abstand und Geschwindigkeit - völlig zwecklos, das Hirn von der Sonne vertrocknet, verweigert den Dienst und ist ja damit beschäftigt, das Vorwärtstreten zu organisieren - also bitte nicht stören. Dann endlich der allerletzte Anstieg, bevor noch 5 km Gegenwindpassage zu bezwingen sind. Letzte Kurve ohne Eile - bitte nicht stürzen - ZIEL.
 
Sandra ist auch schon da! Sie ist die 160 km und 3400 hm in sensationellen 6:29:18 gefahren und damit 1. (AK) und 2. Gesamt - und hat so manchen der Herren hinter sich gelassen.

ImageAuch Holger ist schon da - leider (wegen der Magenkrämpfe, denn er war gut dabei in der ersten Gruppe der Ultra-Strecke) oder zum Glück (weil es ihm wieder ganz gut geht und weil er so Sandra auf der 160 km Strecke begleiten konnte).

Und da kommt auch Martin schon ins Ziel, gesund und etwas verschwitzt - 7. Platz in der AK und das beim Samson!

Als wir zum Duschen abrücken, kommt uns Gerrit bereits frisch und erholt entgegen. Wie die Liste später zeigt, war er 1:17 vor mir da. Der Abstand zum Nächsten nach mir beträgt nicht 9 Minuten minus x, sondern 13 Minuten …

ImageNach der Siegerehrung fährt uns Martin schnell und sicher nach Hause.

… S a m s o n … wirklich?

Image2. Platz nach Gerrit Glomser - also Erster, da er außer Wertung fuhr - 7:24:43 sagt die Transponderzeit für 220 km (227 km auf meiner Uhr) und 4600 hm (4565 hm) - na bitte, es geht doch und endlich mein erster Sieg bei einem Alpenmarathon.

Danke Gerrit für die schöne Fahrt!

Matthias Reinfried

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