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Jedermann mit einem gro?en Herzen f?r Kinder
Montag, 30. Juni 2008
ImageCharity Aktionen zugunsten kranker oder einsamer Kinder gehören im Radsport inzwischen dazu. Egal ob Einzelfahrer, Teams oder Veranstalter, im Radsport finden sich immer wieder zahlreiche Menschen, die bereit sind, Zeit und Geld zu opfern, um Kindern in Not zu helfen. In dieser Ausgabe möchten wir Matthias Reitenspieß vorstellen, einen Fahrer, der Außergewöhnliches leistet, um Kinder zu unterstützen.

Wer ist Matthias Reitenspieß?

Den ersten Kontakt zum Radsport erhielt der heute 35jährige 1987 bei einem 1. Schritt Rennen in Nürnberg. 1989 bis 1991 fuhr er als Juniorenfahrer Lizenzrennen für den RV Union 1886 Nürnberg. Nach sechs Jahren Pause vom Radsport fand er 1997 über das Jedermannrennen in Nürnberg wieder zurück zu seinem alten Hobby. Bis 2006 steigerte er sich in seinen Platzierungen bei Jedermannrennen und belegte unter anderem Rang 8 in der Gesamtwertung der T-Mobile Cycling Tour 2006 im Trikot des Team Blue Essentials. Auch 2007 bestritt er noch zahlreiche Rennen für Hobby-Fahrer, sein sportliches Ziel aber änderte sich.

Am Samstag, den 22.September 2007 startete er im fränkischen Altdorf zu einem 24 Stunden Radmarathon rund um seinen Heimatort. Dank großartiger Unterstützung durch Fans, Sponsoren und weiterer Sportler konnte er 524 Kilometer mit 5.800 Höhenmetern zurücklegen. 12.282 Euro kamen bei dieser Aktion zugunsten der Stiftung Deutsche KinderKrebshilfe der Deutschen Krebshilfe zusammen. Nachdem er sich von den Strapazen etwas erholt hatte, stand für Matthias Reitenspieß sehr schnell fest, dass sein Marathon eine Fortsetzung haben müsste. Er entschied sich für eine Tour rund um Franken vom 30. Mai bis zum 1. Juni 2008. Natürlich wieder zugunsten der Deutschen KinderKrebshilfe. Wie es ihm dabei ergangen ist, erzählt er hier mit seinen eigenen Worten:

ImageRund um Franken 2008

Nach der Benefiz-Tour „Rund um Altdorf“ im letzten Jahr brauchte ich erstmal eine kleine Pause. Ich begnügte mich 3 Monate lang mit Spinning und leichtem Kraftausdauertraining im Fitness-Studio. Ende Dezember lernte ich dann Stefan Basa kennen. Der ehemalige Masseur des Fußball Bundesligisten VFB Stuttgart war gerade mit seinem Wohnmobil beschäftigt und da dachte ich mir, das ist genau der richtige Mann für eine Umrundung von Franken mit dem Rad. Stefan war völlig begeistert von meiner Idee und begleitete mich auf meiner Tour vom 30 Mai bis zum 1. Juni mit seiner Frau und Wohnmobil. Auch zwei nette Kollegen von mir sagten mir sofort ihre Unterstützung zu. Mit einem eigens von der Deutschen Post zur Verfügung gestellten Wagen begleiteten sie mich auf meinem Marathon.

Franz Ederer und Harald Bleisteiner waren dabei für die Streckenführung, Bilder und Video Aufzeichnungen, sowie Radservice zuständig. Zugegeben, Ende Dezember wusste ich noch nicht, wie viele Kilometer es um Franken herum sind. Aber wie es oft so ist, erst entsteht die Idee, dann die Planung und zuletzt die Ausführung. Hätte ich als erstes mit einer intensiven Planung begonnen, so würde es vermutlich nie zu der Ausführung kommen. So aber startete ich am 30. Mai 2008 zu meinem Charity-Marathon „Rund um Franken“.

 
Mein Radmarathon war in sämtlichen Belangen härter als ich mir das je vorstellen konnte.
Als ich mich am Freitagnachmittag auf meine Rennmaschine setzte und langsam zur Hauptschule, dem Start- und Zielort fuhr, konnte ich noch nicht ahnen, was wohl die nächsten 51 Stunden auf mich zukommen würde. Es war der heißeste Tag dieses Jahres und es wäre vermutlich vernünftiger gewesen, sich das umgebaute Freibad etwas näher anzusehen. Aber da war noch dieser Termin mit meinen Begleitfahrern Gertrud, Stefan, Franz und Harald, den ich nicht mehr absagen konnte.

ImageKampf gegen Schäferhunde und Riesen-Hagelkörner
So fuhren wir dann gegen 14 Uhr, von Horst Topp verabschiedet, der freundlicherweise als Schirmherr eingesprungen ist aber fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, auf unsere große Runde. Zwei Autos und 4 Radfahrer, Heiko Ritter, Andreas Pillhofer, Akin Dalgic, Kay Eckhardt und mein Vater Alfred begleiteten mich auf den ersten Kilometern. Fast hätte die Tour schon vor Weißenburg ihr Ende gefunden, als ein Schäferhund mich stellen wollte. Mein Puls erreichte die Höchstmarke von über 170 Schlägen. Noch nie habe ich einen Hund über 50 Sachen laufen sehen, aber der war fit. Stefan, ehemaliger Boxchampion, konnte den Vierbeiner nach ca. 2,5 Kilometern endlich zur Vernunft bringen und ihm seinen Nachhauseweg  erklären. Außerdem machten uns die Wetterkapriolen stark zu schaffen. Am Anfang waren es 35 Grad Hitze, dann folgte ein unwetterartiger Sturm, der ein Vorwärtskommen fast unmöglich machte. Dieser Sturm wiederum trieb ein Gewitter auf uns zu, was in etwa so aussah wie beim Kinofilm „Twister". Hagelkörner, so groß wie Tischtennisbälle, prasselten auf uns nieder. Eine erste Zwangspause, über 45 Minuten mussten wir in den Begleitfahrzeugen verbringen.

Mittlerweile war es 19:30 Uhr, mein Sohn Jan wünschte mir übers Handy eine gute Nacht, und wir hatten 150 Kilometer auf dem Tacho stehen. Die Nacht kam durch das schwere Gewitter viel früher als erwartet auf uns zu. Die Sicht war durch den starken Regen und die einbrechende Dunkelheit sehr schlecht geworden. Nach knapp 200 Kilometern musste dann Andreas wieder nach Hause, um am nächsten Morgen wieder pünktlich in der Arbeit erscheinen zu können. Somit waren wir nur noch zu zweit, denn auch mein Vater und Akin fuhren mit dem Zug von Weißenburg wieder zurück. Meine genaue Streckenkenntnis war nicht mehr die allerbeste, daher musste ich mich zunehmend voll und ganz auf meine Begleitfahrzeuge verlassen, welche bis zum Schluss nun nicht mehr von meiner Seite weichen wollten.

ImageZu allem Überfluss funktionierten beide Navigationsgeräte in den Autos nicht richtig und wir fuhren den einen oder anderen Umweg. Mir kam es in dieser Nacht so vor, als würde ich um Rothenburg herum nur noch im Kreis fahren. Unser Navigationskünstler Harald brachte aber schnell wieder Ordnung in unsere Route. Etwas später erreichten wir die Stadt Ochsenfurt, wo sich dann auch mein letzter Begleiter Heiko verabschiedete. Dieser stellte dabei einen persönlichen Kilometerrekord auf und fuhr bis 1:30 Uhr nachts 265 Kilometer mit. Nun war ich mit meinem Rad alleine, was die ganze Sache nicht einfacher machen sollte. Erste Müdigkeitsattacken gingen durch meinen Körper. Viel früher als ich damit gerechnet hatte. Ursprünglich wollte ich bis zu meiner ersten Schlafpause noch bis Mainaschaff fahren, was sich aber als unmöglich herausstellte.

Eine schwierige Phase
Der Streckenabschnitt von Wertheim nach Miltenberg am Main entlang wurde zu einer einzigen Qual. Mehrmals bin ich am Rad dem Sekundenschlaf verfallen und musste somit bereits in Miltenberg eine eineinhalbstündige Schlafpause einlegen. Meine Begleitcrew kümmerte sich über die komplette Tour rührend um mich. Gertrud machte mir Kaffee und ein Honigbrot. Stefan verabreichte mir mit seinen Wunderhänden eine entspannende Massage, Harald und Franz mischten neue Energiegetränke und brachten meine durch das Gewitter und Regen stark gebeutelten Räder wieder in Schwung. Zuletzt wurde ich vor 35 Jahren in den Armen meiner Mutter so umsorgt.

Nun folgte ein kurzes Stück von Miltenberg nach Mainaschaff, wo schon Peter Wenzel zu einer ärztlichen Kontrolle auf mich wartete. Nach dessen OK fuhr ich zusammen mit Günter Müller weiter, der extra aus Altdorf mit dem Auto kam, um mich zu unterstützen. Wir kamen bei jetzt angenehmen Temperaturen sehr gut voran. Dadurch, dass Günter noch sehr frisch auf den Beinen war, kam ich meinem Zeitplan wieder näher, bis das nächste schwere Gewitter mit Hagelschauern auf uns zukam und uns eine Zwangspause auferlegte. Jetzt ging es wieder durch den Regen über den Hochspessart zurück an den Main, wo mich Günter wieder alleine auf die Reise schickte.

Schließlich war auch er schon seit 5 Uhr auf den Beinen und hatte eine Radtour von 130 Kilometern und eine längere Autofahrt auf sich genommen. Von dieser Sorte findet man nicht viele Helfer, aber es gibt sie dankenswerterweise immer wieder. Zum Abschied teilte Günter meiner Crew noch mit, dass ich körperlich abbauen würde und diese doch besonders gut auf mich aufpassen sollten. Und er hatte Recht! Keine 30 Kilometer später in Gemünden, wieder am Main, kam der Sekundenschlaf zurück. Ich hatte keine Ahnung, warum das diesmal so intensiv war. Entweder lag es an den Gewittern, die meine Pollenallergie in Hochform brachten oder an der beruhigenden Umgebung am Main. 2 Stunden Schlaf im Wohnmobil waren dringend erforderlich.

Phantastische Helfer

Nach einer wieder recht guten Versorgung ging es für mich weiter. Jetzt lief es wirklich gut. Mit Musik am Ohr konnte ich treten, treten und treten, als wäre vorher nichts gewesen. Das Wetter war optimal und die Strecke bis zur Frankenwaldhochstraße, die ich gegen Mitternacht erreicht hatte, nur leicht wellig. Zuhause hat mein Vater Alfred alle Hebel in Bewegung gesetzt, für die zweite Nacht Begleiter zu finden, da sich zu Hause auch schon herumgesprochen hatte, das meine Tour diesmal nicht so reibungslos verläuft wie im letzten Jahr um Altdorf herum. Und wie oben schon erwähnt, gibt es diese Helfer immer wieder. Mein Vater machte den Shuttle Service und brachte Andreas Pillhofer und Markus Lindenmeyer an meine Seite.

ImageDie Jungs hatten anfangs ganz schön zu kämpfen, denn sie mussten ja um 0:30 Uhr mitten im Frankenwald eine richtig große Radtour fahren. Andreas, der in diesem Jahr bereits 5 Marathons gelaufen war, den Quelle Challenge Triathlon in Roth und noch weitere 6 Marathons vor sich hat, war genauso gefordert wie Markus, der spontan zusagte, mir zu helfen. Etwas später hinter Bad Steben wurde mir dann erstmals bewusst, was ich eigentlich meiner Begleitcrew angetan hatte.

Ich ließ mich zu meinem Begleitfahrzeug zurückfallen, um eine weiter Schlafpause zu beantragen und schaute in vier leere Augen, die genau dasselbe dachten wie ich. Wir schleppten uns alle zusammen nach Berg, ca. 15 Kilometer von Hof entfernt, um dort weitere zwei Stunden zu schlafen. Glücklicherweise kam zum zweiten Mal ein weiterer Kollege der Deutschen Post, Michael Rödamer, mit seinem Wohnmobil vorbei, um weitere Schlafmöglichkeiten für uns alle zur Verfügung zu stellen. Michael (Zwitschi) war bereits am Start, in der ersten Nacht von Rothenburg bis Kist an unserer Seite und stellte sich als wirklich rettender Engel heraus.

ImageEr stellte mich anschließend der Geschäftsleitung der Post als seinen persönlichen Helden vor, mir persönlich geht es umgekehrt mit  Zwitschi genauso. Nach der letzten Schlafpause ging es mit hohem Tempo durch das Fichtelgebirge bis nach Marktredwitz, wo mir der Lionsclub Marktredwitz-Fichtelgebirge und der Soroptimist International Club Luisenburg-Bad Alexandersbad i. Fichtelgebirge gemeinsam einen Scheck über 1000 Euro zugunsten der Stiftung Deutsche KinderKrebshilfe der Deutschen Krebshilfe überreichten. Auch einen Besuch am Grab von meinem im letzten Jahr verstorbenen Freund Eberhard Tzscheuschner ließ ich mir nicht entgehen, schließlich war sein Tod ja der Anstoß für mich, meine Radsportkarriere guten Zwecken zur Verfügung zu stellen.

Die letzten Kilometer
Nun kamen die letzten 150 Kilometer. Markus hatte sein Auto in Marktredwitz abgestellt und somit hatte ich nur noch Andreas an meiner Seite, der an diesem Wochenende wirklich Außerordentliches geleistet hatte. Weit über 400 Kilometer mit 5 Stunden Schlaf und dazwischen ging er noch zur Arbeit. Wir fuhren nach Fichtelberg auf das Dach der Tour um Franken in 750 Metern Höhe.

ImageNoch 120 Kilometer und es nahm kein Ende. Ich wurde wieder leicht müde, hatte aber kein Zeitpolster mehr, um zu schlafen. Ich wollte bis spätestens 17 Uhr in Altdorf auf dem Kindersportfest zurück sein. Ich stand von nun an per Handy in ständigem Kontakt mit zu Hause. Auf dem Kindersportfest war nicht besonders viel los. Das mangelnde Interesse der Altdorfer steigerte nicht gerade meine Motivation. Der große Einsatz meiner Frau zusammen mit ihrem Stammtisch 12zuviel aus Weißenbrunn und dem Lauftreff Altdorf unter der Leitung von Hans Merkel wurde leider nicht gewürdigt.

Meine Tour ging aber weiter, in Troschenreuth bei Pegnitz stieß wieder Akin in unser Team zurück. Wir fuhren dann durch Velden, wo der Stadtrat sein komplettes Sitzungsgeld für meine Aktion zur Verfügung gestellt hat. Auch mein Vater gesellte sich wieder zusammen mit Gerhard Liebel zu uns, um mich die letzten 30 Kilometer über Hersbruck und Gersdorf  nach Hause zu führen. Mittlerweile hatte ich drei Begleitfahrzeuge und wenn ich mich zurück fallen ließ, schaute ich ausnahmslos in glückliche, teilweise auch etwas glasige Augen. Dieses Team kann ich nur weiter empfehlen, die waren einfach super. Über 50 Stunden im Auto mit ca. 2 bis 3 Stunden Schlaf und trotzdem immer guter Laune. Vielen Dank an diese Mannschaft. Die letzten Kilometer stieg der Adrenalinspiegel in meinem Körper spürbar an und das Rad bewegte sich wie von alleine.

In Altdorf angekommen, spürte ich dann selbst das mangelnde Interesse an meiner Tour. Die ersten Fans waren an der Hauptschule zu einer Laola Welle versammelt. Mein Kopf und mein Körper waren so leer, dass ich keine Regungen mehr zeigen konnte. Im letzten Jahr war da noch Gänsehaut aber auch für so etwas war der Körper scheinbar zu schwach.

Wir lagen uns anschließend in den Armen und waren glücklich, das alles unbeschadet überstanden zu haben, aber auch enttäuscht, für diese Leistung so wenig gewürdigt zu werden. In zwei Jahren werden wir unser Glück erneut versuchen - evtl. an einem anderen Ort.

Bedanken möchte ich mich noch bei Horst Topp für seine Unterstützung zusammen mit dem TV Altdorf, bei Christine Frank von der Volleyball-Abteilung, Hans Merkel im Namen des Lauftreff Altdorf, dem Stammtisch 12zuviel, meinen Sponsoren Werk:b, Der Bote, Deutsche Post, Krapp-Sports, altdorf aktiv, Provita, Fenners Fahrrad-Fachgeschäft aus Oberferrieden, Optik Schweiger, Lupine und Basta für die nötige Beleuchtung, den vielen Spendern aus Altdorf und Umgebung und natürlich meiner Familie und meiner Crew.

Matthias Reitenspieß
www.charitycycling.de
 
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