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Kolumne: Enrico H?vel
Montag, 30. Juni 2008
Primavera 2008 in Italia - Teil 3

Wie in den Kolumnen der Mai- und Juni-Ausgabe beschrieben, sind wir im Teil 3 weiter beim  Saisonauftakt unseres Radsport-Originals Heinrich Hövel in Italia, sowie bei den darauf folgenden Rennen in Germania.

Um bei den harten italienischen Rennen vorne zu sein, ist natürlich auch ein spezielles Training erforderlich. Einerseits trainiere ich im Rennen, indem ich z. B. im Hinblick auf die Rennen im Gebirge bei den „Gare in pianura“ (Rennen in der Ebene) die vielen „cavalcavia“ (Straßenüberführungen) herauf mit hohen Übersetzungen fahre, um Kraft zu bekommen – andererseits trainiere ich eben „da solo“ (alleine) oder am besten „in kompagnia“ (mit mehreren). Mein Freund Sergio Camon reiste an einem Mittwoch extra 131 km von Montagnana mit seiner Frau im großen Lancia an, um mit einem „vero tedesco occidentale“ (echten Westdeutschen) zu trainieren.

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Il mio amico (mein Freund) Sergio legte nach 20 Minuten einrollen mit 42-45 km/h mächtig los. Er war ganz enttäuscht, dass ich nach ca. 20 Minuten schon „piano – piano“ (hier im Sinne für langsam – nicht etwa für Klavier) rief. Sergio fragte, ob es mir nicht gut geht, oder warum ich das Tempo reduzieren wolle. Ich habe ihm dann erklärt, dass ich angesichts der drei schweren Rennen ab Freitag mit meinen Kräften haushalten müsse.

Man muss wissen, dass Sergio ein echtes „Rennpferd“ ist. Für ihn gibt es immer nur Vollgas. Als ich ihn fragte, wie viele Rennen er in diesem Frühjahr bis Anfang April bestritten hätte, antwortete er ca. 26. „quanti vittorie?“ (wie viele Siege?), fragte ich. Er antwortete „solo 13“  (nur 13)  - „non va bene - perche sette secondi“ (nicht gut – weil sieben Zweite). Ich war fassungslos – von 26 Rennen = 20 mal auf dem Treppchen – das ist doch hervorragend – versuchte ich ihm klar zu machen. Er meinte nur „anche terzi“ (auch dritte) kämen noch dazu – aber sein Ziel ist eben nur der Sieg. Zweimal hatte er den Sieg einem Freund geschenkt. Das wäre auch wie ein eigener Sieg für ihn. Bei mir dachte ich nur, welch ein Sportsmann. Ich bin sehr glücklich, ihn zum Freund zu haben.

Wir fuhren die meiste Zeit nebeneinander und ich zeigte Sergio „sein Veneto“. Er war verwundert, dass ich die versteckten Orte, mit den kleinsten, ruhigen Strassen neben den Kanälen und „tutte le belle poste“ (alle die schönen Plätze) – die er noch nie gesehen hatte – als „tedesco“ (Deutscher) kannte. Aufgrund meiner mit Gesten umfassenden Erläuterungen mit genauesten Kilometer-Angaben wurden ihm die Zusammenhänge der Rennstrecken, auf denen er ja zu Hause war, erst richtig bewusst.  

Erstaunt war Sergio auch, dass wir - wie von mir angekündigt -  „con vento dietro“ (mit Rückenwind) schnell zurück zur Lagune von Venedig fahren konnten. An der letzten Brücke musste er mich dann mit einem Gewaltantritt in unserem Endspurt von vorne besiegen. Das braucht er nun mal, um glücklich zu sein. 

Hier meine Trainings-Werte:
Mi 19.04. 90 km 31,0 km/h 45,8 max. O-Wind 16-24 Grad 120 Watt 460 max. Watt 
Nach dem Training hatten wir unseren Frauen natürlich viel zu erzählen. Sergio hatte seinen riesigen Schinken, den er als Gesamtsieger des „Giro di Liguria“ gewonnen hatte, sowie eine Metzger-Maschine zum dünnen Schneiden und speziellen Käse mitgebracht. Meine Frau hatte eine „Zuppa di Lenticche“ (Linsensuppe) mit Rindfleisch und Würstchen gekocht. Sergio isst normalerweise kein Brot. Als Vorspeise aß er bei uns aber genüsslich dunkles, deutsches Brot und würzte das zusätzlich mit dem ihm vollkommen unbekannten Maggi. Die Flasche haben wir ihm nach dem Essen geschenkt.

Auf unserer großen Terrasse hatten wir ein echt leckeres Festessen mit deutsch / italienischen Spezialitäten und Vino vom feinsten. Abgerundet wurde der Tag noch mit einem Ausflug in das Naturschutzgebiet der Lagune, sowie die Besichtigung der riesigen Baumaßnahmen zum Schließen der Lagune bei Hochwassergefahr für Venedig in Punta Sabbioni.

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Nach mehreren zweiten Plätzen usw. waren unsere drei Wochen im Appartement am Strand vorbei. Jetzt ging es von der Adria nach Padua zu unserem lieben Freund Mirko Grillo. Meine Frau hatte zuerst Bedenken, die Einladung von Amico Mirko anzunehmen, da er als Elektroingenieur beruflich stark belastet ist und genau wie seine Lebensgefährtin Simonetta, nur wenig Urlaub hat. Es wurden jedoch unvergessliche Tage.

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Wir haben uns Padua mit seiner historischen Altstadt angesehen, Picknick oberhalb von Montegrotto vor einem Kloster gemacht, waren in Abano Therme schwimmen und sind im Training durch die „Colli Eugane“ (Eugenischen Berge) gefahren und  das Allerbeste war, mit dem Wohnmobil zu den Rennen gefahren zu werden.

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Mein Freund Mirko rief oft bei den Veranstaltern an, wie die Strecke denn sei. Die Antwort war eigentlich immer gleich. Der Kurs sei wellig. Im Rennen hatte ich dann teilweise bis zu 15 % Steigung. Das war dann eben eine große Welle.

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Auf der Rückfahrt nach Hause gab es mittwochs noch die 1. Etappe einer Rennserie am Gardasee in Rivoli di Veronese auf einem Rundkurs - nur rauf und runter - zu bestreiten. Mit 87 kg war das eine sehr schwierige Aufgabe.

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Fast das ganze Rennen bin ich auf Position zwei gefahren. Jede Attacke habe ich mitgemacht. Nachdem wir zu fünft ca. 15 km in Führung lagen und doch wieder eingeholt wurden, musste ich meine Taktik ändern.

Ohne meine Mannschaft war ich hier eigentlich ohne Chance. Die starken Mannschaften aus der Region Verona hatten das Rennen fest im Griff. Gut, dass wenigstens mein Freund Sergio an meiner Seite war. Wir ließen es zu, dass einer nach dem anderen vorne raus fuhr. Nachdem ca. 10 Leute vorne waren, trat Sergio an. Schnell konnte er das Loch schließen. Er hatte aber nicht erwartet, dass ich von der Konkurrenz total blockiert und eingebaut wurde. Sergio war gewohnt, dass ich immer sofort bei ihm am Rad war. Als ich mich befreit hatte, musste ich dahin fahren.

Ich hörte schon über den Lautsprecher, dass Sergio schon dabei war, die Spitze zu demontieren. Ich flog ran – Sergio zog unermüdlich – am Zielanstieg flog ich vorbei – die letzten 5 km lagen vor mir. Der Lokalfavorit konnte zu mir aufschließen – Gott sei Dank – weil dessen große Mannschaft für uns bremste – jetzt kam der Schreck in der vorletzten Runde – ein riesiger Metall-Transporter stand quer an der Tausend-Meter-Marke.

Der Führungswagen stand. Ich schrie meinen Konkurrenten an: „vai in erba“ (fahr ins Grüne). Er bremste ab. Als Ex-Crosser fuhr ich mit mulmigem Gefühl, aber dosiert ins Gelände. Aber was sagt die „giudice di UDACE“ (Wettfahrausschuß der UDACE) nach dem Rennen dazu? Wir hatten ja die rote Stopp-Fahne des Führungswagens nicht beachtet.

Wieder Glück für mich. Mein Mitstreiter war vom veranstaltenden Verein und den „konnte“ man ja schlecht disqualifizieren. Durch diese Brems-Aktion kam ein starker Zeitfahrer an uns ran. Er zog gleich vorbei und gab auch die Führung in der letzten Runde nicht mehr ab. Jetzt musste der Sprint entscheiden.

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Die lange Steigung rauf – immer auf Position zwei – in den Ort kurvig bergab – in der Mitte der Straße eine gepflasterte Regenrinne mit hervorstehenden Kanälen – Häuser, die in die Straße reinragten, ohne Bordstein – längs stehende Absperrgitter, die die Treppenaufgänge sichern sollten – also eine schwierige Zielankunft – genau meine Welt - der 14er-Zahnkranz war geladen – immer den Blick nach hinten gerichtet – das Tempo liegt über 50 km/h – ich bleibe „calma“ (ruhig) – erst die letzten 100 m kommt mein Antritt in die Steigung rein – wieder höre ich meine Gisela und Sergio`s Frau Donatella schreien – dai Enrico - die Arme fliegen hoch -  
vollkommen glücklich habe ich diese Siegesfahrt genossen – und meine Frau hat das auch noch Klasse auf Video gebannt.   

Sofort habe ich meinen Sponsor Lorenzo de Luca angerufen. Er konnte es gar nicht glauben, dass ich dieses schwere Bergkriterium über 45 km - mit 41 km/h - bei bis zu 32 Grad - gewonnen hatte.  Nach der Siegerehrung musste ich das Führungstrikot leider dort lassen, da ich ja auf dem Heimweg war. 

Nach zwei Tagen in Südtirol ohne Radrennen konnte ich mit meiner in Italien erarbeiteten Form Pfingstmontag in Köln-Longerich gleich den 9. Platz in der Klasse ab 40 Jahre ersprinten. Bei den Masters-Tagen im Osnabrücker Land gab es gleich einen 4. und zwei 2. Plätze in der Klasse ab 50 Jahre zu feiern. In Köln-Mülheim war ein 6. Platz wieder ab 40 Jahre das Ergebnis.

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Ich bin mal gespannt, was mir in der weiteren Saison noch alles Gute widerfährt.

Egal wie – aber genießt „Euren“ Radsport – so wie ich den meinen –

„schnell fahren macht glücklich“

Ciao – Euer Enrico
 
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