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Wie eine Flasche leer ? meine Lohmar Challenge
Samstag, 31. Mai 2008
ImageSelbsteinschätzung ist mit das Wichtigste im Radsport. Den Satz unterschreibe ich sofort! Demnach hätte ich mir nicht mal die Mühe machen müssen, nach Lohmar zur Challenge zu fahren. Dies ist meine ganz persönliche Leidensgeschichte.

Der Plan hatte schon was masochistisches: Am Samstag vor Lohmar noch mal schnell das „Race of the Champions“ bestreiten, und wenn man schon mal an der Strecke ist, schnell noch das BC-Rennen der Komet Delia auf gleicher schwerer Strecke mitnehmen, war ja auch nur ungefähr 80° heiß. Der Plan stand schon Wochen, trotzdem lasse ich mich bequatschen, die Nacht über den Barkeeper in einer Kölner Kneipe zu spielen. Mit immerhin 90 Minuten Schlaf - als mein Trainer würde ich mir selbst den Kopf abreißen - treffe ich mich im Osten von Köln mit den Leuten, die ich an den vergangenen elf Samstagen auf den Event in Lohmar vorbereitet habe. Organisiert wurde dieses „Ausdauerteam MKH“ vom Marienhospital in Bensberg, trotzdem konnte ich auf etwa 15 durchweg gesunde Starter stolz sein.

ImageEiner davon hatte eine phantastische Idee: „Lass uns mit dem Rad nach Lohmar fahren, dann sind wir auch schon warm! Dauert so 20 Minuten!“ Nun bin ich ein großer Verfechter der Vorbelastung und fahre gern mit. Alle anderen ziehen den PKW vor. Zwanzig Minuten später sehe ich „Lohmar“ zumindest mal auf einem Straßenschild, die Entfernung ist noch deutlich zweistellig, und wir müssen unsere Startunterlagen binnen dreißig Minuten abholen, sonst ist Lohmar noch vor dem Startschuss Geschichte für uns.

Also spanne ich mich treu vor den Mann mit der guten Idee, denn der soll ja nachher auch noch fit sein. Ich hingegen werde lediglich die, wie ich sie gerne genannt habe, „Beamtengruppe“ begleiten müssen, wenigstens ein Stück. „Beamte“ steht hier für: mittelschnell, mittellang, mittelmäßig, mittelerfahren….. halt die zwischen Anfänger und der Spitze. Und weil die 105 km im Beamten-Tempo jetzt keine Monsterhürde darstellen, hatte ich aus Zeitgründen aufs Frühstück verzichtet. Dass in meinen Trikottaschen außer einer mitgewaschenen Telefonnotiz kein Krümel Essbares mitreiste, sollte mir erst später aufgehen.

ImageLohmar pünktlich erreicht, Nummer drauf und gleich wieder abgerissen, weil aus Papier – kleiner Minuspunkt für den Event. Nachdem ich überlegt hatte, wie aerodynamisch die LKW von Hauptsponsor UPS wohl sind, rief der Veranstalter um Heinz-Gerd Funk in die Aufstellung. Um meine Truppe gleich beisammen zu haben, stellte ich mich eher hinten auf. Das Gesamtfeld war mit rund 600 Startern doch noch übersichtlich, leider auch die Stellen mit Schatten. Das Wetter war phantastisch.

Ohne an die Fahrt zu denken, nuckelte ich eine meiner Flaschen schon mal halb leer. Vorne standen schon wieder die gleichen Verdächtigen wie am Vortag in Hürth-Gleuel: Bauer, der über Magenprobleme klagende Ackermann, der bei RoC enttäuschende van de Velde, und bei den Frauen das gleiche Bild, Gerhardt, Triebel, Kurp, alle da. Offenbar hatte ich nicht als einziger die Idee eines Mehrfachstarts.

ImageDer Fahrtwind tat so gut, als es dann endlich losging. Um meine Jungs aus dem Ministartgetümmel raus zu halten, kurbelte ich souverän aber durchaus überheblich neben dem Feld her. Das Streckenprofil war anspruchsvoll, aber so richtig ernst nahm ich die Sache nicht, noch nicht! Meine Gruppe würde eh nach dem ersten Berg um ein gemächliches Tempo bitten. Und schon wieder daneben. Hatte ich den ersten Hang aus Trainingsgründen noch im großen Gang getreten, musste der auf dem welligen Profil danach wegen des hohen Tempos drauf bleiben.

Während mein Gesicht noch selbstsicher in die Menge strahlte, meldeten die Beine erste Bedenken an einer 105 Kilometer langen Krafteinheit an. Rausnehmen ging nicht, ich hatte ja einen Job zu erfüllen. Füllen ist dabei ein gutes Stichwort.

ImageVom gefüllten Zustand waren beide Flaschen nach einer Stunde schon weit weg! Aber noch goss ich mir das Wasser in Senna-Manier über den Kopf. Obwohl in der Ausschreibung ausdrücklich verboten, setzten etliche Starter auf Trinkrucksäcke, diese kleine Illegalität sollte sich auszahlen. Die einzige Oase entlang der Strecke hatten nämlich Radfans am Ende des Anstiegs nach Bövingen aufgebaut.

Mit großem Enthusiasmus spendierten sie milchkannenweise kühles Nass. Ein ganz junger Fan bot eine kurze Dusche aus der Kübelspritze an. Überhaupt hat es mich mehrmals verwundert, wie viele Menschen an der Strasse standen und für Stimmung sorgten. Schließlich waren „nur“ 600 Starter unterwegs, das konnten nicht alles Angehörige sein. Tolle Stimmung wirklich!

ImageMeine Trainingsgruppe war auf drei Leute zusammengeschrumpft, ein paar waren weiter vorne, andere hatte ich nach hinten verloren. Und dann kam mein Verderben. Eine Abfahrt mit anschließender Ebene, ewig lang, toll ausgebaut, eine Gruppe in Sichtweite und ein noch starkes Ego, all das brachte mich dazu, im Stile eines Cancellara Richtung Lohmar zu preschen. Dickster Gang, ist ja eh gleich zu Ende.

Die Idee an sich war gut, nur befanden wir uns noch nicht mal vor der Streckenteilung. Manchmal ist ein Tacho halt schon praktisch. In Much war für die Ersten noch Sprintwertung, für mich war Kampf gegen Krampf angesagt. Bergan fragt mich einer meiner Verfolger, ob ich das Tempo die restlichen 60 Kilometer noch durchhalten kann. Sechzig!? Was? Ich hab das Gefühl, meine Seele verlässt meinen Körper, fliegt neben mir her, schlagartig fällt mir ein, dass meine letzte Mahlzeit aus einem halben Baguette am Vorabend bestand.

ImageIn den Flaschen wäre nicht mal genug für eine Zimmerpflanze und wenn wir gleich in eine zweite Runde einbiegen, dann gibt es da genauso wenig eine Verpflegungsstation wie auf der ersten. Oh Hilfe. Was tun? Meine Mission war ohnehin beendet, in meinem Sturmlauf konnten die restlichen Drei auch im Sog der Gruppe nicht das Hinterrad halten. Also was tun?

Meine einzige Chance sah ich darin, den roten Punkt weit vor mir aufzufahren um wenigstens nicht ganz alleine zu sein. Zu meinem Bedauern war meiner aktuellen Gruppe die Abfahrt noch weniger bekommen als mir. Zur gleichen Zeit etwa setzten sich Nino Ackermann vom Team LeXXi und mein Finalgegner vom Vortag aus dem Siemens-Team Torsten Roell von der 26 Mann starken Spitzengruppe ab.

ImageWährend die beiden dem Ziel entgegen jagten, tat ich selbiges mit dem roten Punkt. Der sollte sich als mein neuer Freund Ralph herausstellen, der, als ich ihn endlich erreichte, noch kaputter war, als ich. Bezeichnenderweise passierte der Zusammenschluss genau vor meiner Martyriumsabfahrt aus Runde eins. Ich befahl Ralph an mein Hinterrad und gab erneut Gas.

Wo ich mich eben noch fühlte wie Cancellara, sollte ich jetzt dahinstampfen wie Salvatore Comesso. Die Flaschen waren bis dahin so trocken wie ein Eimer Sand, Farbsehen auf Grund der Unterzuckerung kaum noch möglich. Die zweite Passage durch Much hätte ich ohne das Publikum, glaube ich, nicht mehr geschafft. Kurz vorher hatte ich Ralph verloren aber einen weiteren Fahrer in Rot kassiert, oder der mich, ich erinnere mich nicht mal mehr an den Namen, er hörte auf jeden Fall auch auf Ralph.

ImageUnd …. Er hatte noch Wasser. Ob mich mein Blick auf seine Flasche verraten hat oder das Geräusch, wenn ich meine Zunge zum Sprechen vom Gaumen abzog. Ohne zu zögern, reichte er mir die Pulle. So gut sollte er noch nie etwas von sich investiert haben.

Ich konnte noch ein paar Körner zum Wasser finden und wieder so was wie Treten. Diese Liaison führte uns dann tatsächlich ins Ziel. Und dann durfte ich es abholen, den Geschmack hatte ich schon zwei Stunden auf der ledrigen Zunge, den Gutschein noch an der Startnummer, ein kühles alkoholfreies Weizen! Wahnsinn, wie man sich am Ende einer so schweren Runde über Kleinigkeiten freuen kann. Meine Trainingsgruppe ist gar nicht so lange nach mir ins Ziel gekommen, zwei sogar in der großen Verfolgergruppe vor mir und „Ralph II“, absolut Klasse. Hab ich alles richtig gemacht.

ImageAn der Verpflegungstheke im Zielbereich darf ich mich wohl in den nächsten beiden Jahren nicht mehr blicken lassen. Der Sieger Nino Ackmann, Zweiter am Vortag, war da wahrscheinlich schon geduscht. Er hatte im Spurt Siemensfahrer Torsten Roell geschlagen. Souveräner gewann da Zeitfahrspezialistin Mechthild Gerhardt mit sechs Minuten vor der Zweitplatzierten Irmgard Lütticken. Sieger der Kurzstrecke bei den Frauen wurde Julia Hild vor Petra Köster. Inwieweit es Phillip Tascher bei seinem Sieg über 55 km half, dass sich eine Spitzengruppe am Kreisverkehr in Much verfuhr und dadurch wieder geschluckt wurde, bleibt reine Spekulation.

Nino Ackmann hatte die Magenprobleme vor dem Start - ich im Ziel, denn zwanzig Stück Kuchen auf einen halben Liter Weißbier und vielleicht zehn Becher Cola obendrauf - die Kugel, die mal mein Bauch war, passte bald nicht mehr aufs Rad. Aber dank der guten Idee vom Morgen ging’s ja auch noch per Muskelkraft zum Auto in Bensberg. So viele gute Ideen hatte ich noch nie an einem einzigen Tag. Ich gelobe, ab jetzt jedes Rennen ernst zu nehmen.
(td)
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