Quer durchs Pantani-Land
Freitag, 30. Mai 2008
Le Nove Colli in Cesenatico

Am 18. Mai fand in Cesenatico am Adriatischen Meer zum 27. Mal Le Nove Colli statt, das größte italienische Rennen für Jedermann. Einige Rennradfreunde aus Hessen, darunter auch Kris Van de Velde (Team Agapedia-Münsterland) und Rebecca Schwantes (TuS Griesheim) unternahmen die Reise ins Pantani-Land und berichten über ihre Erfahrungen.

In Deutschland fahren wir Jedermann Rennen, in Frankreich und der Benelux heißt es Cyclosportive und in Italien spricht man von Granfondo. Während hier die Renndistanzen eher um die 100 km liegen, sind Distanzen von 200 km in Italien keine Ausnahme, obwohl es auch dort meistens ein bis zwei kürzere Strecken gibt (die so genannten mediofondo und percorso corto). Granfondo Veranstaltungen gibt es schon seit mehr als 20 Jahren und die Popularität steigt anscheinend immer noch. Die neun größten Rennen sind  in einem so genannten Prestigio-Circuit zusammengefasst. Dazu kommt jeweils pro Jahr eine weitere und neue Veranstaltung, welche die Organisation in diesen Circuit einlädt, um sie in diesem Jahr ein wenig zu beleuchten und zu unterstützen. Wenn man sieben von diesen zehn Langstrecken in einer Saison beendet, bekommt man das Scudetto – einen Aufnäher, um die Leistung des Trägers zu kennzeichnen.

Es gibt also eine Herausforderung für jeden. Eine Top-Platzierung bei einem Granfondo des Prestigios, zwischen verschiedenen Ex-Profis oder Halb-Profis, ist absolut hervorragend, aber auch einfach die schweren Strecken mit Anstand zu bewältigen ist immer eine Riesenleistung, vor allem, wenn es um Veranstaltungen wie den Oetztaler Radmarathon, Maratona Dles Dolomites, GF Campagnolo oder auch in diesem Jahr GF Carnia Classic-Monte Zoncolan geht!

Der Granfondo mit der höchsten Teilnehmerzahl ist schon seit vielen Jahren Le Nove Colli in Cesenatico, ein Fischerdorf an der Adriatischen Küste zwischen Ravenna und Rimini in der Region Emilia-Romagna. Es gibt einen alten Hafen, breite und lange Strände, viele Bars, Restaurants und alles, was man für einen Familienausflug braucht. Kulinarisch gibt es Sangiovese Rotwein und vor allem Piadine zu kosten. Das ist eine Art Fladenbrötchen, typisch für dieses Gebiet (sogar die Emiliani aus Bologna geben zu dass Piadine nur in la Romagna schmecken!).Piadine sind aufgewaermt und belegt mit Gemuese, Fleisch oder Fisch.

Seit den neunziger Jahren ist Cesenatico aber vor allem bekannt als die Heimat von Marco Pantani, dem kleinen charismatischen Bergkletterer, Tour und Giro Sieger in 1998, der 2004 in einem Hotelzimmer in Rimini Selbstmord beging. Seitdem heißt die Veranstaltung auch Le Nove Colli-Marco Pantani, nicht zu verwechseln mit dem Granfondo Marco Pantani, der jedes Jahr Ende Juni in Aprica (Valtellin) stattfindet. Am Friedhof von Cesenatico kann man dem Pirat ein letzten Gruß entbieten.

Wie beim Dolomitenmarathon ist auch Le Nove Colli eigentlich als Spaß unter Freunden entstanden. Anfang der siebziger Jahre nahmen die Mitglieder des Fausto Coppi Rennradverein in Cesenatico an einem Alpen-Brevett in der Schweiz teil, und bekamen so die Idee etwas Ähnliches zu organisieren. Also gab es am 20. Mai 1971 die erste Ausgabe des "Brevetto Appenninico", eine Ausfahrt von 200 km und über neun Hügel. Sage und schreibe siebzehn (!) Teilnehmer fanden sich zur Premiere ein. Heute sind es 11.000 und die Startplätze sind bis Mitte Februar alle vergeben.
Die ganze Veranstaltung ist ein reines Radfest und die Fahrer kommen mittlerweile aus der ganzen Welt, um entweder 210 km (3500 Hm) oder 130 km (1800 Hm) zu absolvieren. Die Deutschen bilden sogar den zweit größten Anteil mit knapp 800 Personen. Wir waren mit einer kleinen Gruppe aus Frankfurt und Darmstadt in Cervia einquartiert, ein Nachbardorf nördlich von Cesenatico. Gar nicht so schlimm, da die acht km Anfahrt um halb sechs morgens eine sehr willkommene Aufwärm-Möglichkeit boten (das Rennen startet ja um 6:15). Das Wetter allerdings warf einige Fragezeichen auf. Samstagabend hatten wir schon einen Riesenschauer miterlebt und auch für Sonntagmorgen war Regen angesagt. Die Sonne scheint also nicht immer in Italien. Zum Glück war es bei der Startaufstellung noch trocken. Wir standen alle im griglia gialla, dem dritten (gelben) Startblock mit etwa 7500 Leuten vor uns. Ein endloses Meer an Helmen, so weit die Sicht reichte. Ambitionen auf eine Spitzenplazierung sollte man von hier aus dann doch nicht mehr haben. Die Topfahrer wie Bazhenov, Jones, Negrini und der spätere Sieger Sergio Barbero (ein ehemaliger Mercatone Uno Profi neben Pantani) waren schon seit 20 Minuten unterwegs, als wir die Startlinie überqueren. Es ging also ganz ohne Stress los, auch wenn das Tempo während der erste 15-20 flachen Kilometer recht hoch war. Die Strecke führte uns weg von der Küste und in Richtung Bertinoro, wo es zum ersten Mal richtig hoch ging. Wie erwartet gab es- wie jedes Jahr- bald Stau auf den steileren Rampen. Es ging nicht anders, zum ersten Mal absteigen. Die gleiche Prozedur wiederholte sich etwas später auf dem Polenta, dem ersten offiziellen Hügel mit Steigungen bis zu 14%. Da die meisten Teilnehmer die Problematik kennen und auf einen kleinen Spaziergang eingestellt waren, regte sich keiner auf. Ganz im Gegenteil, statt zu schimpfen wurden Witze gemacht, während sich der merkwürdige Tross aus entsattelten Reitern mit einem lauten Getackere der Klickschuhe in Richtung Gipfel bewegte.

Zwei Fahrer vom TeamRadon-Cyclepower begrüßten uns auf dem Weg zum zweiten Anstieg, dem Pieve di Rivoschio. So langsam fanden alle Teilnehmer ihren Rhythmus und der angesagte Regen blieb zur Freude aller auch aus. Bei bester Laune nahmen wir uns zwischendurch auch mal die Zeit nach links und rechts zu blicken, um die herrliche hüglige Landschaft Romagnas zu genießen. Wunderlich warum so viele Leute im Frühjahr zum Grundlagentraining nach Mallorca fliegen?! Eins steht schon fest, hier kann man bestens Rad fahren.

Nach einer Abfahrt gab es die erste in einer Reihe von (sehr) vielen Verpflegungsstellen. Man konnte sich hier ordentlich satt essen: es gab Brötchen mit Schinken oder Käse, Obst, verschiedene Kuchen und Riegel und später sogar Piadine. Rotwein wird manchmal auch angeboten, vor allem von Zuschauern entlang der Strecke! Doch mit noch einigen „Colli" vor uns, widerstanden wir der Versuchung.

Mit frisch aufgestockten Reserven ging es über Ciola in Richtung Barbotto, dem vierten und schwersten Anstieg des Tages. Der Barbotto ist sechs km lang und steil: bis 18% im letzten Kilometer! Für viele Fahrer zu steil, wie es scheint. Nach einer Steilkehre spielte sich wahrlich Merkwürdiges ab. Der scheinbar unwiderstehliche Anblick eines Kirschbaumes, hatte ein paar Radler kurzzeitig von ihrem eigentlichen Ziel- dem Erklimmen des Barbotto- abgebracht und sie fischten mit offenen Mäulern gierig nach den reifen Kirschen. Ein echtes Bild für die Götter und ein Grund vor Lachen fast vom Rad zu fallen! Wir aber blieben standhaft auf dem Asphaltpfad und kamen ohne Probleme den Berg hoch. Oben angekommen, herrschte Volksfeststimmung. Zuschauer klatschten und ein Moderator gab aufmunternde italienische Worte über ein Megaphon bekannt. Die 130km-Fahrer hatten es dann auch eigentlich schon geschafft. Vom Barbotto aus gibt es eine Abfahrt und eine Flachstrecke zurück zur Küste. Die 210km-Fahrer biegen nun rechts ab und haben fünf weitere Hügel zu überqueren.

Rebecca hatte sich in ihrem ersten Rennen außerhalb Deutschlands für die 130 er Runde entschieden. Mit dem steilsten Berg hinter sich, tobte sie sich auf den letzten 40 km noch mal so richtig aus. Im Ziel war sie dann die erste von unserer Truppe auf der 130 km Distanz, wobei der im Frankfurter Taunus lebende Niederländer Guus van Domburg leider mit einem komplizierten Reifenschaden zu kämpfen hatte.

Die Teilnehmer auf dem längsten Kurs wurden gleich auf eine weitere Verpflegung geleitet. Schnell die Trinkflasche auffüllen und weiter hinauf zum Monte Tiffi. Und dann passierte es plötzlich doch noch: die grauen Wolken öffneten sich es regnete wie aus Kübeln. Die letzten 100 Kilometer würden also noch ein ganzes Stück anstrengender werden. Berghoch ist Niederschlag nicht so schlimm, aber die steile Abfahrt des Tiffis war eine gefährliche Sache mit Aquaplaning noch dazu. Da musste man ganz schön konzentriert bleiben und die Bremsen nicht zu viel los lassen. Leider gab es einige Stürze, aber wirklich schwere Unfälle blieben in diesem Jahr zum Glück aus.

Es regnete auch auf dem sechsten und siebten Anstieg weiter (hinauf sul Pugliano, inklusiv die Ortsdurchfahrt von Maiolo und seinem wirklich traumhaften Ausblick), aber die Beine fühlten sich immer noch sehr gut an, obwohl ich seit den Barbotto im Renn-Tempo unterwegs war. Mein Tempo wurde aber kurz abgebremst auf Collo Nummer 8, dem Passo del Grillo. Eine langsame Gruppe fuhr auf der gesamten Breite der Strasse und einige Leute mussten plötzlich anhalten. Ausweichen ging nicht mehr, ich fuhr auf ein Hinterrad auf und lag schon am Boden. Zum Glück ohne große Folgen und deshalb raffte ich mich schnell auf und fuhr weiter. Der Regen begann auch schon nachzulassen.

Der finale Anstieg mit Namen Gorolo ist kurz aber knackig, und tut jedem der hier noch dabei ist, doch zumindest ein bisschen weh. Dann ist es aber auch vorbei. Noch 25km schnelle Kilometer bis Cesenatico und zum Ziel, wo eine riesige Pasta- und Piadine-Party auf die Teilnehmer wartete. Die Wartezeit der 130er Fahrer wurde zwischenzeitlich durch eine fachmännische Massage verkürzt. Ohne Wartezeit, muss man hier anmerken, was bei dieser Teilnehmerzahl eine wahre Meisterleistung ist!

Somit steht nun der erste Granfondo der Saison auf unserem Konto! Das gute Gefühl im Bauch wurde dann abends auch noch durch einige Gläser Sangiovese und Pasta Tris im fast legendären Restaurant Casa della Aie äußerst harmonisch ergänzt...

Kris Van de Velde & Rebecca Schwantes

http://www.cosmeticoseperfumes.com.br/index.php/life-changing-moment-essay/
http://www.childrens-bedding-direct.co.uk/
Team Agapedia-Muensterland
TuS Griesheim
Biestmilch


PRESTIGIO RENNEN IN 2008

6 April: GF Selle Italia (Cervia)
1 Mai: Dieci Colli Bolognesi (Bologna)
11 Mai: GF Felice Gimondi (Bergamo)
18 Mai: Le Nove Colli-Marco Pantani (Cesenatico)
15 Juni: GF Campagnolo (Feltre)
29 Juni: Maratona Dles Dolomites (Alta Badia)
13 Juli: GF Carnia Classic-Zoncolan (Tolmezzo)
20 Juli: GF Pinarello (Treviso)
31 August: Oetztaler Radmarathon (Soelden)
7 September; GF Colnago (Piacenza)
 
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