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Gift f?r den Radfahrer
Mittwoch, 30. April 2008
CM testet das Poison Oxygen gleich zu zweit!

Ein Schelm, wer Böses denkt. Auch wenn der Name „Poison“ übersetzt „Gift“ bedeutet, es handelt sich um ein voll pazifistisches Rad, das seinen Namen nur einer interessanten Marketingstrategie verdankt. Alle Räder der Reihe heißen nach einem chemischen Element, das in gewisser Dosis giftig wirkt.

Das Testrad hört auf den Namen „Oxygen“. Nun mag dem einen oder anderen aus grauer Schulzeit auffallen: „das ist doch Sauerstoff!“ Richtig, aber auch der wirkt in entsprechende Verbindungen gebracht zerstörerisch.

Gleich zu Beginn eine Besonderheit: Bei der Übergabe des Rads in der Firmenzentrale nördlich von Koblenz wartete nicht wie sonst üblich bei solchen Tests ein fertiges blank geputztes Rad auf die Redakteure, sondern ein sichtlich entspannter Geschäftsführer mit der Frage: „Welches wollt ihr denn haben?“

Das bedeutete, dass die Tester in jedem Fall kein speziell vorbereitetes Rad bekommen sollten, sondern tatsächlich irgend ein Rad aus dem ans Werk angeschlossenen Laden! Das verdient Lob, Anerkennung und lässt verschmerzen, dass sich unter den Lack des roten Renners ein Staubkörnchen versteckt hat.

ImageUnd wie es die Philosophie von Custombike-Versender Poison ist, hatte das CM Team auch nahezu freie Wahl in der Ausstattung, die Montage erledigte ein Mechaniker dann fix, während die Redakteure sich das Werk ansahen. Zur Oxygen-Rahmenset gesellten sich der neu aufgelegte Mavic Cosmic Elite Laufradsatz, die aktuelle Dura Ace Gruppe, und als Eingeständnis an die eigentliche Testfahrerin eine K-Force Light Carbonkurbel in der Kompakt-Variante.

Wie die Kurbel so stammte auch der Lenker von FSA. Passend zum weißen Lenkerband wünschten sich die Tester außerdem noch den ebenso weißen Fi’zi:k Arione.

Der eiligen Montage sei auch zuzugestehen, dass der Lagerschlüssel zum Festziehen der Tretlagerschalen wohl einmal kurz abgerutscht ist und das zarte Aluprofil ein wenig verkatscht hat. Alle anderen Räder im Laden waren tadellos montiert.

Den eigentlichen Test übernahm eine Berliner Amateurfahrerin parallel zum CM Streckentest in Berlin. Aber sie sollte nicht alleine bleiben. Um alle Ansprüche, die man so an ein Rad haben kann, zu überprüfen, setzte sich auch Redakteur Timo Dillenberger – also quasi ich – auf das Rad.

Gleich groß, aber mit einem halben Zentner Differenz, die eine mit elegenten schnellen Tritten, der andere eher behäbig aber dafür kräftig, sie ohne jede Carbonrahmenerfahrung, er – also quasi ich – mit großen Erwartungen an das Rahmenkonzept:

Noch ohne einen Meter gefahren zu sein, fiel Testerin Caro Kerschner das niedrige Gewicht positiv auf. Trotz relativ schwerer Laufräder wiegt das Rad nur knapp über sieben Kilo. Auch die Beschleunigung empfand sie als ungewohnt gut, das mag mitunter an der Kompaktkurbel liegen, die im flachen Berlin sonst kaum aufgefallen wäre.

Kleinere Gänge lassen sich halt auch besser beschleunigen. Relativ schnell hatte sich Caro dann auch mit ihrem Schicksal abgefunden, als überzeugte Campa-Braut Shimano fahren zu müssen. Nach ein paar Minuten gab sie kleinlaut zu: „Schaltet sich schon verdammt präzise!“

Aber Handschmeichler waren die gegenüber ihre Campa dickeren Griffe nicht, am Ende des Tages klagte die Testerin über die Kante zwischen dem großen und dem kleinen Schalt/Bremshebel, die auf Dauer unangenehm auf die Haut drückte.

Auch hatte sie mit recht zarten Fingern Probleme, aus der Oberlenkerposition genug Bremsdruck aufzubringen. „Macht aber nix, das Rad fährt sich vom Unterlenker aus auch super!“ Und das bestätigte der zweite Tester – also quasi ich -, durch die recht kurze fast quadratische Geometrie ist die Sattelüberhöhung recht gering, die recht steil im Steuerrohr stehende Gabel und der Lenker mit tiefem Drop lassen eine unglaublich angenehme Endkampfposition zu.

Dazu trägt auch der phänomenale Arione Sattel bei, der mittlerweile ein guter Freund beider Testhintern geworden ist. Die erwähnte steile Gabel hat aber neben der positiven auch eine negative Seite: während Caro Kerschner die Wendigkeit des Rades lobte, hatte Timo Dillenberger – also quasi ich – schon mit Schuhgröße 42 arge Probleme beim Umkurven von Pollern oder Barrieren.

Hin und wieder stießen Schuhspitze und Vorderrad zusammen.

ImageWährend einer Pause im Keirin Café in Berlin machte sich die Modedesign-Studentin über die Optik des Oxygen her. „Sieht wie Muskeln aus, echt klasse und mal was Anderes!“ Damit meinte unsere Design-Expertin die Verdickungen, die aus den Rohrknoten und entlang der Gabel verlaufen. Ein bisschen erinnern diese Wülste an die Muffen alter Stahlrahmen, nur viel runder und länger.

Einziger wirklicher Kritikpunkt an der Optik waren nach Caros Meinung die Zuganschläge, die vom Unterrohr recht weit nach schräg unten stehen. „Sieht bisschen nachträglich aufgesetzt aus!“ so der Kommentar der Berlinerin. Vorteil: Die Züge kommen weit vom Rahmen weg und klappern selbst in entspanntem Zustand nicht. Außerdem sind die Einstellschrauben auch mit Handschuhen noch gut zu greifen.

In der Berliner Sonne machte sich Testerin Kerschner dann über den Lack her. Das Staubkorn fiel ihr gar nicht auf, aber als sie entdeckte, dass der dunkle Schriftzug des Herstellers sowie die Logos nicht schwarz sind, sondern das Rahmenmaterial Carbon durchschimmert, war sie vollends glücklich mit ihrem Fahrzeug.

„Tolle Idee“ sagt die Individualistin. Gott sei Dank hat sie den einzigen Wirklichen Designfauxpas gar nicht bemerkt! Wer auch immer hat bei Poison eine violette Zugführung unters Tretlager eines roten Rades geschraubt. Das geht gar nicht, fiel aber auch erst beim Beladen des Autos auf.

Kurz vor Ende der Testrunde musste das Team eine schlecht ausgebaute Straße passieren. Und hier fand die Berlinerin vom RC Charlottenburg den einzigen Makel auf der technischen Seite des Rahmens. Er ist für ein Leichtgewicht recht hart.

Der Carbonlenker fing zwar die vorderen Stöße ab, ihr Gestühl holperte allerdings ungewohnt heftig. Der im Kontakt mit Kohlefaserrahmen erfahrenere Dillenberger – also Sie wissen schon – empfand das nicht so: „Im Gegensatz zu einem Hersteller aus Koblenz ist er eher komfortabel!“

Und wer den Komfort erwähnt, darf auch vor Steifigkeit nicht halt machen. Dass die schmale Carolina keine Probleme mit fehlender Steifigkeit hat, verwundert nicht, sie war darüber hinaus sehr angetan vom ruhigen Lenk- und Rollverhalten in schnellen Kurven. Aber, dass auch die dicken Beine von Tester Timo – also quasi meine – keinerlei Kraftverlust im Rahmen erzeugen oder zumindest bemerken konnten, ist schon ein kleines Siegel für gute Rahmenbaufertigkeiten.

Für Technikfreaks: der Rahmen besteht außer der Deckschicht aus K3 Fasern.

Fazit: Testerin Carolina Kerschner hatte richtig viel Spaß an dem Rad, auch die ungewohnte Sitzposition  machte ihr keine Probleme. In der Summe beschrieb sie das Bike als sehr wendig, agil, spurtreu und technisch präzise und funktional. Abzüge gab es tatsächlich nur für den wenig nachgebenden Hinterbau.

Ich – Sie wissen schon - war zunächst etwas über die Kombination verwundert: Da steht ein bocksteifer Rahmen mit super agilem Fahrverhalten und leicht ist er auch noch, und dann bauen die da nen 44 cm breiten Lenker, eine Kompaktkurbel und eine 25/12er Kassette an.

ImageOb das nicht mal eine ungeschickte Kombination aus Rennmaschine und Tourenrad ist? Aber andererseits: warum sollten nicht auch Fahrer in weniger extremer Rennhaltung einen Rahmen mit entsprechenden Reserven in Sachen Sicherheit und Steifigkeit fahren? Und die Kompaktkurbel hatte ich ja selbst ausgesucht, der für mich und Caro Kerschner recht breite Lenker könnte einem anderen Fahrer schon wieder perfekt zusagen.

Bleiben als einzige wirkliche Mankos noch die Sache mit dem geringen Abstand von Fuß und Vorderrad und die noch nicht erwähnten käseweichen Kettenblätter der K-Force light. Bei nicht absolut gerade Kettenlinie hat man den Eindruck die Kette biegt bei Beschleunigungen unter voller Last gleich alle Zähne der Reihe nach zur Seite, die Geräusche, die dabei entstehen, lassen das Vertrauen ins Material und damit die abgegebene Leistung gleich mal 20 % sinken.

An ein wenig Aufmerksamkeit im Bezug auf enge Lenkmanöver könnte ich mich eher gewöhnen als daran, besonders, wenn das Rad durch seine Bauart so wunderbar wendig wird.

Das schöne ist, jeder potentielle Kunde kann sich sein Poison schon im Internet konfigurieren. Deshalb wäre es auch mühselig, an dieser Stelle über Preise zu philosophieren. Das Oxygen in seiner Standartversion mit Ksyrium SL Rädern kostet 2699,- Euro. Alles Weitere erledigt der Preisrechner bzw. Konfigurator auf:

http://www.poison-bikes.de/shopart/6300-05.htm

Dort gibt es außerdem die Geometriedaten.

Und noch einen Tipp zum Abschluss: sollten Sie sich ein Poison bestellen und zwischen zwei Rahmengrößen schwanken, wählen Sie die größere von beiden. Das schafft etwas mehr Platz zum Vorderrad und die recht kurze Geometrie gibt das absolut her. Außerdem verkleinert sich durch das längere Steuerrohr die Sattelüberhöhung, ohne Spacertürmchen zu bauen. (TD)
 
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