Cape Argus Tour 2008
Montag, 31. März 2008
3 Radsportgläubige pilgern zum Tafelberg nach Kapstadt

ImageRadsportler sind gläubige Menschen. Nicht unbedingt im religiösen Sinne; viele glauben beispielsweise an die leistungsfördernde Wirkung von rasierten Beinen, Kohlefasern oder weißen, sauberen Lenkerbändern.

Und wozu das alles?


Für das Erreichen des ganz großen Ziels; das, was viele unter der Magie des Radsports verstehen. Eine Mischung aus glückshormongesteuerten Euphoriezuständen und dem Gefühl, durch den Sport physisch und mental stärker, am Ende vielleicht sogar ein etwas besserer Mensch geworden zu sein. Wie unterschiedlich die Ambitionen des Einzelnen auch sein mögen, auf dem Weg zum großen Ziel braucht er viele kleine Ziele, auch wenn bekanntlich der Weg das Ziel sein soll.

Nach einem längeren Radsportleben mit zahlreichen Radrennen und Touristikfahrten beschäftigt man sich dann auf der Suche nach neuen Zielen irgendwann einmal mit den ’Monumenten des Jedermann-Radsports’. Das kann die Bezwingung von Alpe d’Huez oder anderer Pässe sein, die Teilnahme an Trondheim – Oslo, dem Ötztaler oder Mailand – San Remo, dem 24 h – Marathon am Nürburgring oder an den Cyclassics in Hamburg. Wenn man das aber auch schon kennt, kommt die Lust auf etwas völlig Neues und völlig Anderes; und hier beginnt das Projekt Cape Argus Tour 2008, das die drei Kölner Radsportler Rudi Feuser (63), Jörg Arenz (40, ehemaliger Spitzencrosser) und Jörg Behrendt (47) in Angriff genommen haben. Eingebettet in einen zweiwöchigen Familienurlaub wurde endlich der Start am (nach Teilnehmern) größten Radrennen der Welt geplant, nachdem in den letzten Jahren viel darüber geredet, am Ende dann aber doch wieder Mallorca gebucht wurde.

In Kapstadt angekommen waren wir zunächst von den vielen Eindrücken des atemberaubend schönen Landes überwältigt, hauptsächlicher Wermutstropfen sind die offen zutage tretenden sozialen Probleme.
Das wahre Aussehen und die Größe der zahlreichen townships (Siedlungen mit Hütten, die aus Sperrmüllteilen gebaut sind) sind besonders am Anfang für uns Westeuropäer ein sehr ungewohntes Bild, das Unbehagen, aber auch ein völlig neues Selbstverständnis in Bezug auf die eigenen ’Probleme’ vermittelt.

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Körperlich machte uns die Umstellung etwas mehr zu schaffen, als wir im Vorfeld gedacht hatten. Jeder von uns hatte mehr oder minder stark mit Atemwegsproblemen zu tun, schließlich kamen wir aus dem deutschen Winter in den südafrikanischen Sommer mit Temperaturen um die 30°C, vielen Klimaanlagen und fremden Pollenarten. Doch es gibt gute Ärzte vor Ort und zwei Tage vor dem Start, als wir zur Einschreibung in das Good Hope Center in Kapstadt gingen, waren wir drei schon wieder auf dem Weg der Besserung.

Dieses Center hat die Größe einer mittleren Messehalle und beherbergte mit der ’Cape Argus Exibition’ eine recht große Messe rund um den Radsport. Wir trafen uns mit Mike Kluge und Hanka Kupfernagel am Stand des südafrikanischen Focus-Importeurs. Dank Mike’s sehr guten Beziehungen zur Rennorganisation konnten wir einen Platz im relativ weit vorne befindlichen Startblock J bekommen, also an sieben- bis achttausendster Stelle, bei 38.000 Startern! Noch mal danke Mike. Auch Hanka und Mike starteten in diesem Block, ein gewisser Jan Ullrich sollte drei Blöcke vor uns losfahren.

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Nach einer lockeren, einstündigen Ausfahrt entlang der Westküste zum Bloubergstrand am Tag vor dem Rennen, klingelten die Wecker am raceday um 4:30 Uhr, was sich zunächst nicht besonders gut anfühlte. Aber die Vorfreude bezwang die Müdigkeit schnell und gegen 6:00 Uhr parkten wir unsere Autos im Cape Town Convention Center, das nur wenige hundert Meter vom Start entfernt liegt. Bei knapp 20°C hatte man nicht unbedingt das Gefühl, sich warmfahren zu müssen, aber zeitlich war das auch kaum noch möglich, weil man sich ca. eine Stunde vor dem Start in einen Parc fermé stellen muss, in dem man nach jedem gestarteten Block weiter vorrückt, bis man selbst an der Startlinie steht.

’Hoooooppaaaa, enjoy your ride’

Um 7:25 Uhr wurde dann unser Block J wie alle anderen vorher auch mit einem lauten ’Hoooooppaaaa, enjoy your ride’ auf die 109 km lange Tour geschickt. Mittlerweile war die Sonne vollständig aufgegangen und sorgte gemeinsam mit dem ca. 2 km langen Anstieg auf der Stadtautobahn stadtauswärts für die erste Transpiration. Das lange Herumstehen im Startblock hatte die Beine nicht gerade sehr locker gemacht und so sah ich in den Gesichtern einiger Mitstreiter schon große Anstrengung bis hin zu echten Schmerzen; oje, wir hatten doch noch 107 km vor uns…

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Für mich lautete die Devise der ersten Kilometer: Konzentriert an die Spitze des Blocks rollen ohne sich ’einen anzufahren’, also keinesfalls überziehen. Nach ca. 10 km fanden wir drei uns dann unter den ersten 20 des Riesenpelotons wieder und ab da begann der pure Genuss und Fahrspaß. Eine starke Tandembesatzung führte uns entlang der Ostküste des Cape Peninsula (so heißt die Halbinsel südlich von Kapstadt) durch Muizenberg, Fish Hoek und Simonstown vorbei am berühmten Pinguinstrand.

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Die Küstenstraße ist flach und die Geschwindigkeit pendelt sich zwischen 40 und 45 km/h ein. Im Sog der Führenden bleibt aber trotzdem etwas Luft für kurze Gespräche übrig, Jörg Arenz macht sogar mit dem Handy ein paar Livebilder. An der Smitswinkel Bay verlassen wir dann die Ostküstenstraße und durchqueren das Landesinnere der Halbinsel über moderate, ca. 5 bis 7%-ige Steigungen bis wir bei KM 60 an der Witsand Bay das erste Mal die Westküste erreichen. Die Rückfahrt nach Kapstadt hat bereits begonnen und wir nähern uns dem absoluten Höhepunkt dieser Tour: dem legendären Chapman’s Peak Drive. Dieses etwa 10 km lange Stück Küstenstraße wurde 1922 in den Fels gesprengt und überwindet auf halber Strecke den ca. 160 m hohen ’Pass’ am Chapman’s Peak. Diese Straße wird in allen Reiseführern als eine der schönsten Küstenstraßen der Welt beschrieben, nach allem, was ich bisher auf meinen Reisen sehen durfte, sicherlich keine Übertreibung.

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Bei der Passauffahrt  rollen wir noch einige Fahrerinnen und Fahrer mit gemächlicherem Tempo auf, aber, wie überhaupt während dieser Tour und auch unseren sonstigen Ausfahrten, kommt niemals Stress auf. Die sogenannte ’laid back’-Mentalität der Südafrikaner ist absolut entspannt und so kommt weder zur Stoßzeit im Supermarkt noch im dichten Straßenverkehr auch nur ansatzweise Hektik oder gar Aggressivität auf, ach wie schön wäre so etwas in Deutschland…

Man sagt seinem Vorausfahrer nur kurz: ’keep left’ oder ’keep right’ und jeder macht sofort bereitwillig Platz, wenn die Puste reicht, gibt es ab und zu noch ein anspornendes ’good ride, man’ dazu. Spätestens hier war ich mir sicher, eine der perfektesten Touren meines bisherigen (35-jährigen) Radsportlerlebens zu absolvieren. Landschaft, Strecke, Wetter, Mitfahrer, alles perfekt!

Nach einer moderat kurvigen Abfahrt vom Chapman’s Peak zum wunderschönen Strand der Hout Bay steht mit dem Mount Rhodes eine letzte ’miese Welle’ im Weg, die so ziemlich allen nachdrücklich signalisiert, dass es schön wäre, langsam nach Kapstadt zurückzukehren; ich habe jedenfalls in kein übermäßig fröhliches Gesicht mehr geblickt. Die letzten Kilometer rollen wir dann durch den Reichenvorort Camps Bay in Richtung Ziel am Green Point, wo gerade das neue Stadion für die Fußball-WM 2010 gebaut wird.

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Große Angriffe finden nicht mehr statt und die Zahl derer, die unbedingt Führungsarbeit übernehmen wollen, bleibt sehr überschaubar. Nach 3 Stunden und 3 Minuten erreichen wir das Ziel und sind mit unserem Schnitt von knapp 36 km/h recht zufrieden, der Sieger Robbie Hunter von Barloworld war schließlich nur schlappe 36 Minuten schneller – wow. Eine berauschende Tour ohne Probleme und Zwischenfälle findet anschließend ihren Ausklang im riesigen Bierzelt mit Rockmusik.

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Was wir mit uns nehmen …

Was bleibt uns nun außer der Startnummer und der Finishermedaille, die wir als Souvenirs mit nach Hause mitnehmen? Tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit dafür, dass man Radsport einmal so erleben durfte, wie er idealerweise sein sollte. Die Überzeugung, dass es viel Sinn macht, statt zweimal nach Mallorca einmal nach Südafrika zu fliegen (finanziell in etwa das Gleiche, wenn man alles privat organisiert). Der Glaube daran, eine neue, höhere Stufe des Radsportbewusstseins erreicht zu haben.
Und die Frage: Was soll jetzt eigentlich noch kommen?

Aber: Radsportler sind gläubige Menschen…

Weitere Informationen im Internet unter: affordable essay writing service glasgow

Text und Fotos: Jörg Behrendt
 
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