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Der Ritt ?bers S?geblatt
Montag, 31. März 2008
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CM testet die 150 km auf dem Kurs des Amstel Gold Race
Die Erde ist eine Scheibe! Ja genau - und Holland auch! Wer mit diesem Basiswissen Niederlande zum Amstel Gold Race fährt, sollte sich auf ein blau weiß rotes Wunder gefasst machen. Das Profil hat mehr mit dem Deutschen Aktienindex gemein, als mit der Theorie, dass der Holländer morgens schon sehen kann, wer abends zu Besuch kommt.

Wenn dem so wäre, hätten die Einwohner der Region Limburg nordwestlich von Aachen am dritten Aprilwochenende jede Menge zu bestaunen. Bevor sich die Radprofis am Sonntag auf eine der klassischsten Strecken im Sportjahr machen, fallen einen Tag vorher 12.000 Jedermänner über die schwere Strecke des Amstel Gold Race her.

Wobei schwer in dem Falle relativ ist: Die Veranstalter weisen in der Ausschreibung ausdrücklich darauf hin, dass der Wettbewerb keinen Renncharakter hat, sondern es die „Toerversie“ des Amstel Gold ist, was das Testteam des Challenge-Magazins nach eindringlichem Studium der Niederländischen Sprache mit „Tourenversion“ übersetzt hat. Im Prinzip werden die sechs verschiedenen Strecken wie RTF’s gefahren. Starten kann jeder innerhalb eines Zeitfensters in eigener Regie, spätestens um halb Acht muss dann der berühmte Cauberg in Valkenburg Sibbe bezwungen sein.

Wo die Profis am folgenden Tag mit Übersetzung bis 53:17 um den Sieg spurten werden, könnten einigen der nicht professionellen Kollegen die Gänge ausgehen. Die Zielanfahrt ist zwar nicht der steigungstechnische Höhepunkt der Strecke, aber Beine und Lunge der Meisten werden grenzwertig erschöpft sein.

Das eben erwähnte Testteam um Stehermeister Jan Eric Schwarzer war von Anfang an extrem vom Anspruch des Parcours beeindruckt. Für den Streckentest nahmen sie die 150 km lange Runde unter die Reifen, im Gegensatz zu den drei kürzeren (60/100/120) führt sie nicht durch den flacheren Norden von Valkenburg und Maastricht, sondern scheint geradewegs die steilsten Hügel des Landes zu suchen und zu verbinden.

ImageFür die 200 bzw. die knapp 250 km langen Routen bauen die Veranstalter sogar sich überkreuzende Schleifen und Abstecher nach Belgien ein, nur um ja jede Gemeinheit einzubeziehen, die die Topographie zu bieten hat. In der Ausschreibung heißt es, nur völlig gesunde mögen an den Start gehen. Jan Erik Schwarzers Kommentar dazu: „Also ein bisschen krank müssen grad die 250er Leute schon sein!“

Dazu gehören dann wohl auch die Profis, deren Strecke nahezu identisch ist. Während diese in Maastricht starten, steigen die Jedermänner nahe dem Ziel ebenfalls in Valkenburg ein. Die Hassadeure der 150 km Runde können zwischen 7:00 und 11:00 auf die Runde, in Foren verabreden sich allerdings hunderte von Fahrern schon zu einem gemeinsamen Start.

ImageAugenzeugen der Vorjahre verrieten den Challenge-Testern: „Die fahren das voll als Rennen. Mit Sightseeing ist da nichts!“ Immerhin wird von jedem die Zeit mittels Championchip gemessen, doch die Tester waren und sind sich einig, dass die Toerversie des Amstel Gold Race auch ohne Jagd nach Bestzeiten ein tolles Erlebnis sein wird.

Gleich nachdem man das schnuckelige Valkenburg verlassen hat, taucht man in eine Landschaft aus grünen Beulen und nahezu perfekten Strassen ein. Die ersten Kilometer könnten etwas eng werden, wenn viele Fahrer gleichzeitig starten. Und auch wenn sich außerhalb der Stadt wunderschöne Schlösser aneinander reihen, ein Auge mindestens sollte in Fahrtrichtung sehen.

Lange werden Gruppen eh nicht bestehen, denn gleich bei Kilometer zwei heißt es zum ersten Mal „klimming“! Also klettern! Kurz nach dem Schwimmbad im Stile von Herrn Hundertwasser geht’s los. Zwar nicht sonderlich lang und steil, aber wie beim Einparken ist der Erste immer der schwerste. Eine Tücke in Holland, die sich auch im weiteren Verlauf fortsetzen sollte, lernte gerade der eher schwere der beiden Testfahrer gleich leidvoll kennen. Grundsätzlich liegt man immer, wenn man glaubt, man sieht den Kulminationspunkt, komplett daneben.

Hier noch ein Schlenker, dann noch ein paar Höhenmeter – erst wer das Tal auf der anderen Seite sieht ist oben! Und wer oben ist lernt Tücke Nummer zwei von Holland kennen: Wind – viel Wind! Auch wer eher den touristischen Aspekt des Amstel als den Gesamtsieg im Auge hat, sollte sich stets Verbündete suchen.

ImageDer weitere Verlauf der Runde ist damit an sich schon erklärt. Anstieg – Plateau mit Gegenwind – Abfahrt! Nach dem Geulhemmerberg und den Serpentinen des Bemelerwegs, dessen Kehrseite im Übrigen die vielleicht schnellste Abfahrt Hollands bietet, und einem kurzen Gegenstich bleibt erst einmal Zeit die wirklich wunderschönen Gegend zu genießen.

Es gibt in dieser Region nie wirklich flache Rollerstrecken, aber bis zum Verpflegungspunkt bei km 44 passiert nichts Erschütterndes mehr. Wer auf dem Rad sein Essen einnimmt, sollte das dann zügig erledigen, denn er befindet sich bereits in der Anfahrt auf Gemeinheit Nummer Drei, den Loorberg mit einem Verlauf wie ein Skischanze. Der Tipp von Jan Eric Schwarzer: „Am Service was ins Trikot stecken, die Abfahrt vom Loorberg ist lange genug, um dann noch zu essen!“ Aber bitte vorsichtig!

ImageDie Fahrer sollten sich von der radsportlichen Kulisse nicht blenden lassen. Die Strassen sind nicht abgesperrt. Es patroulieren zwar Motorräder der Polizei und winken Autos kurzzeitig an den Straßenrand, es gelten jedoch weiter die Regeln des Straßenverkehrs. An erwähntem Straßenrand reihen sich im Übrigen nicht nur die klassischen niederländischen Minihäuschen mit ihren riesigen gardinenlosen Fenstern und jede Menge Blumendekoration, sondern hin und wieder auch obskure und freigeistige Ausstellungsstücke.

Das Amstel und die gesamte Gegend sind für alle, die nicht allzu weit von der Grenze weg wohnen, sowieso eine phantastische Abwechslung zu den gewohnten Trainingsstrecken. Trotz der Nähe zu Deutschland radelt man durch eine ganz andere Welt. Das Einzige, das die beiden Tester stets wieder in die Realität zurückholte, waren die blau weißen Schilder mit der Aufschrift des jeweils folgenden Berges - Schweiberg, Camerig und Gulpenberg alleine stellen dabei vielleicht nicht die existenzielle Gefährdung dar, aber die Summe der Aufs und Abs zermürben selbst gute Bergfahrer.

ImageEin solcher ist Jan Schwarzer an sich auch, aber das Leichtgewicht zog immer öfter den Hut vor allen, die hier ein Rennen austragen. Nicht nur das Profil der Hoch- und wieder Niederlande – Pause für Gelächter – ist an diesem Respekt Schuld, sondern auch die Straßenführung.

Unsere Nachbarn sind zwar schon bekannt für ihre asphaltierten Wirtschaftswege, aber dass sie die zu einer Rennstrecke zusammenschließen, darauf muss man erst einmal kommen. Schon den Anstieg zum Drielandenpunt, also dem Rendezvouspunkt von Deutscher, Niederländischer und Belgischer Grenze, hielten die Tester eher für einen Fußweg. Das Verbundpflaster ist zwar durchaus fahrbar, aber die Vorstellung, dass sich hier Hunderte Räder durch den Wald schlängeln, scheint befremdlich!

In Vaals am Fuße des Dreiländerecks begegnen sich zum ersten Mal die Fahrer auf der Strecke, hier achte man bitte sowohl auf den Verkehr als auch auf die Beschilderung, um nicht die Extraschleife doppelt zu fahren oder sie gar zu unterschlagen. Richtung Norden werden die Hügel etwas kleiner. Ob sie klein genug sind, um sie mit Schwung im großen Gang zu nehmen, wagt Stehermeister Schwarzer zu bezweifeln. „Die ganz üblen Dinger kommen noch!“ und auch damit sollte er Recht behalten, denn mit dem zweiten Servicepunkt in Mechelen bei km107 taucht man ein in die Welt der großen Namen. Steigung Nummer sieben – Kruisberg – geht noch, da ist die Abfahrt danach schlimmer, da sehr steil, schmal und mit einer engen Brücke!

Aber spätestens der Eyserbosweg lässt die Frage zu, ob die holländischen Straßenplaner etwas gegen Serpentinen haben. Die Straße führt wirklich direkt in eine Rampe rein, die an einen Almauftrieb erinnert. „Wer hier seine Körner schon verschossen hat, rollt gleich wieder rückwärts runter, und das hört oben auch gar nicht auf!“  sagt Schwarzer. Oben heißt es dann: einer hin, fünf im Sinn. Wer eine topp Zeit fahren will, muss Wohl oder Übel auf den folgenden 20 km Dampf machen.

ImageÜber die grünen Wellen lässt sich wahrscheinlich mehr Zeit rausholen, als an den Bergen. Vielleicht ist das insgesamt der Schlüssel: bergan nur das Nötigste, gegen den Wind Zeit gut machen. Damit haben intelligente Fahrer gute Chancen. Zeigt der Tacho 132 km bitte schon mal die Finger an die Bremsen, es geht von der Bundesstrasse stumpf rechts in einen der Feldwege rein. Und damit steht man auch schon drin im Fromberg.

Der trägt seinen Namen zu Recht, für die 150er Leute ist er tatsächlich lammfromm, für die beiden lange Strecken haben die Veranstalter die Anfahrt von der Rückseite vorgesehen, mal wieder eine fast senkrechte Kletterpartie. Wer noch kann, genieße an dieser Stelle noch einmal die Aussicht vom Höhenkamm runter, denn jetzt wartet er.

ImageEr ist der Keuteberg! War eben von Rampen die Rede, ist der Keuteberg eine Wand. Im unteren Bereich mit 22 % Steigung sollte man bereits vor Einfahrt die richtige Gangwahl getroffen haben. Das Testteam empfiehlt den kleinsten! Wo Bettini und Co. oft das entscheidende Loch reißen, mutiert jeder Tritt zur einbeinigen Kraftübung.

Die Einfahrt in den Keuteberg liegt übrigens hinter einer Hecke versteckt, vielleicht ist das auch besser so, das ist wie der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Nach dem Steilstück erscheinen die vier bis fünf Prozent Steigung danach wie eine Ebene, ob die Anfahrt auf Valkenburg vollends zur Tortur wird, entscheidet der holländische Wind bzw. seine Richtung. Schwarzer schätzt, dass an dieser Stelle kaum noch Gruppen von mehr als sechs bis acht Fahrern zusammen sind. „…die sollten auf jeden Fall gemeinsame Sache machen. Wer sich messen will, kann das am Cauberg immer noch!“

ImageDamit verrät er schon das nächste und damit auch letzte Ziel. Die Abfahrt nach Valkenburg sollte man nutzen, um wirklich noch einmal die letzten Kräfte zu sammeln. Wahrscheinlich ist der finale Anstieg von den radsportverrückten Holländern gesäumt, und wer möchte schon gerne vor einem Spalier von unseren Freunden vom Rad steigen müssen.

Der Cauberg ist alleine wieder nicht sonderlich schwer, aber eine schreiende Meute verleitet gerne mal zur Selbstüberschätzung. Nach der Überführung kommen noch etwa 200 m, die Ziellinie ist erst spät zu sehen! Im Ziel versprechen die Veranstalter sowohl noch einmal Verpflegung und fachkundige Masseure. Die hätten den Testern vom Challenge-Magazin auch sehr sehr sehr gut getan! Beide sind sicher: „Das ist eine der härtesten Strecken, die wir jemals gefahren sind! Selbst der Fotograf im Auto war am Ende erschöpft! Trotzdem ist sie auch eine der Schönsten, gerade durch die unorthodoxe Streckenführung mit den vielen schmalen und fast Auto freien Sträßchen.

Leider ist die Meldeliste für 2008 schon voll, schon am ersten Tag der Einschreibung standen 2.400 Namen auf der Liste, kein Wunder, zumal jede Strecke nur 25,- € Startgeld kostet. Sollte sich für dieses Jahr noch was tun, werden die Challenge Leser natürlich gleich benachrichtigt. Dem Veranstalter bleibt nicht mehr, als aufs nächste Jahr zu verweisen. Wer sich dazu informieren will, oder sich das Roadbook zum Nachfahren ausdrucken will, findet alles auf: www.amstelgoldrace.nl. Leider gibt’s Letzteres nur auf Niederländisch, vielleicht ein Grund, weshalb die Tester am Ende des Tages knapp 170 km auf dem Tacho stehen hatten.

ImageAllen Glücklichen, die sich einen Platz für dieses Jahr gesichert haben oder in den nächsten Jahren das Amstel Gold Race fahren möchten, sei abschließend noch ein Rat von Herrn Schwarzer zur Renntaktik ans Herz gelegt: „Hinten kack… die Ente!“

Das Team vom Challenge-Magazin wünscht gute Fahrt und tot ziens!

Bericht: Timo Dillenberger - Fotos: Karsten Bethge


Holländisch für Anfänger:

Keutenberg:
Bedeutet frei so viel wie: „Wir hätten die Strasse auch einfach um den Berg herum bauen können, aber so is lustiger!“

Tot ziens:
Hat nichts mit sterben zu tun, heißt: schönen Tag!

Verzorginspost:
Nein – keine Briefe oder Pakete, das ist die Verpflegungsstelle!

Rechtdoor:

Taucht immer wieder im Roadbook auf. Nachdem die Tester dreimal rechts abgebogen waren, fanden sie heraus, dass es „geradeaus“ heißt!

Eyserbosweg:

„Quäl Dich, Du Sau!“

klim:
Das Testteam glaubt, dass klim so viel bedeutet wie „Steigung“. Jedenfalls folgte auf jede Erwähnung im Roadbook eine solche!

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