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R?ckkehr des gefallenen Engel
Samstag, 1. September 2007
Giant Time Trial 2007 - Fotos: Andreas Goldmann; Text: Stephan Goldmann

ImageProlog: "In Anspruch genommene Leistung: Notarzteinsatz. Einsatztag: 03.06.2007". Das darf nicht wahr sein! Am Abend vor dem zweiten Rennen in meiner Heimatstadt Fürth, dem Zeitfahren im Rahmen der Deutschlandtour, halte ich die Rechnung für den Rettungsdienst-Einsatz für den Unfall im ersten Rennen in der Hand.


Rückblick, was war damals geschehen? Schon die Bayernrundfahrt macht Station in Fürth. Fürth wird tausend Jahre alt und ist meine Heimat. Die optimalen Vorraussetzungen um mich vor heimischem Publikum zu präsentieren. Das Vorhaben endete damals in einem Fiasko. Ein unaufmerksamer Teilnehmer brachte das halbe Peloton zu Fall. Unter einem Knäuel von Karbon und Alu begraben musste ich das Rennen aufgeben, ebenso wie jeglichen Sport in den nächsten sechs Wochen.

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Und jetzt? Kann es ein schlechteres Vorzeichen geben, als am Vorabend des zweiten Rennens in der Heimat an den Sturz erinnert zu werden? Reicht es nicht, dass mich schon seit Tagen dieses eine Bild in meinem Kopf quält: Ich stehe auf der Startrampe. Unten meine Verwandten und Freunde. Ich rolle los, rutsche aus und schlittere seitlich liegend die die Schräge hinab. Ganz Fürth lacht...

Dabei läuft die Organisation gerade so hervorragend. Mein Bruder hat die Startunterlagen für uns, das MRRC Chaos Team, abgeholt, die Autos sind verteilt, das Material in Ordnung - selbst die Wetterberichte (ich "kreuze" immer die Aussagen mehrerer Dienste) versprechen zumindest morgens Regenfreiheit.

Ich beschließe das böse Omen zu missachten. Streiche noch einmal mit der Hand über meinen Renner, meine rote Göttin, den gefallenen Engel. "Morgen werden wir den Sturz vergessen machen!"

In München regnet die ganze Nacht hindurch...

Der Tag des Rennens

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In Fürth ist die Hölle los: Die Freiheit, also der Platz von dem aus die Teilnehmer starten, ist vollgestopft mit den Teambussen, davor bauen fleißige Helfer Markisen auf, stellen Tacx-Trainer bereit und schieben so manch kostbares Karbon durch die Gegend. Dazu Skodas! Überall Skodas. Immerhin wird bei den Profis jeder einzelne Zeitfahrer von einem Auto begleitet. Da kommt was zusammen.

Platz zum warmfahren ist hier kaum. Auf einem etwa 30 Meter langen Stück Straße zirkulieren einige Radfahrer. Ich reihe mich ein - richtig Aufwärmen geht allerdings anders.

Es ist kühl und immer noch leicht regnerisch - immerhin deutlich besser als in München. Dort schüttet es. Mir stehen die Haare zu Berge, als ich sehe, wie die Startrampe gerade mit einem Gummi-Schrubber abgewischt wird. Nicht nur steil, sondern auch noch glitschig! Das kann ja heiter werden.

Die rund 500 Teilnehmer sind eingeteilt in mehrere Blöcke, die sich jeweils als Traube vor dem Aufgang zur Startrampe bilden. Im Abstand von zehn Sekunden gehen die Fahrer auf die Strecke. Schade: Für uns Jedermänner gibt es kein Herunterzählen mit der Hand und kein Halten am Sitz. Meine Gruppe ist die zweite und ich bin ganz am Anfang dabei: Vierter.

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9:45 Uhr. Es geht los. Noch einen Blick in den Himmel. Es klart auf, die Sonne kommt hervor. Optimal! Die Treppe hoch, an die Startlinie, einen Fuß einklicken, piep-piepi-piep - und ab.

Die Rampe ist schon mal geschafft. Ab jetzt heißt es 33 Kilometer lang Gas geben. Und dabei den Heimvorteil ausnutzen. Hier bin ich geboren, ich weiß, wie die Straßen laufen. Gleich zu Beginn eine links-rechts Kurvenkombination. Danach voll durchziehen. Die ersten 5 Kilometer tun richtig weh, länger Aufwärmen wäre doch besser gewesen. Die erste ernsthafte Steigung geht über eine Brücke. Ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit gehe ich aus dem Sattel und drücke darüber - sonst bin ich am Berg eher der eiserne Sitzenbleiber. Nächste Herausforderung: die Spitzkehre. Doch auch die nehme ich (fast) in Ideallinie.

Anstiege in Hälfte zwei

Die Kilometer ticken rauf. Da rechts wohnt mein Bruder. Was? Schon Vach? So schnell fahre ich die Strecke nicht mal mit dem Auto. Ab jetzt hört der Spaß allerdings auf, denn ab jetzt beginnen die Anstiege. Der erste hinter Vach noch eher moderat.

Mittlerweile habe ich ein handvoll Mitfahrer überholt und wurde auch einige Male selbst stehen gelassen. Nichts, was die Moral besonders schwächt oder stärkt. Aktuell sitzt mir wieder einer im Nacken. Da vorne kommt die 90-Grad-Kurve in Niederndorf. Ich schwenke ein, will Ideallinie fahren. Der Hintermann jedoch startet ausgerechnet hier seinen Überholvorgang.

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Muss das sein?? Er zieht innen vorbei, ich weiche genervt aus. Direkt hinter der Kurve der fieseste Anstieg des Tages. Vor mir höre ich es krachen: Der Überholer verschaltet sich heftig und ich ziehe im Wiegetritt lächelnd an ihm vorbei. Wer mich in Kurven schneidet, braucht kein Mitleid beim Verschalten.

Dieser Anstieg tut weh! Mit weit aufgerissenem Mund und lautem Luftholen passiere ich endlich den Scheitelpunkt. Es braucht einige Meter, ehe sich meine Atmung beruhigt. Wieder Fahrt aufnehmen. Schmerz. Immerhin: Die Hälfte ist geschafft. Obermichelbach, Rothenberg - hier weiß ich, kommt eine Abfahrt mit Kurven und einer Brücke am Ende. Aufpassen und gleichzeitig ausruhen für den nächsten Berg. Der beginnt nämlich gleich hinter besagter Brücke. Flacher als der in Niederndorf, dafür länger. Er windet sich hinauf, wie eine Passstraße im Taschenformat. Fast schön, wenn es nicht so schmerzen würde.

Burgfarrnbach. Die Anstiege sind vorüber, das weiß ich. Lediglich die Brücke zu Hauptstraße muss ich noch hoch. Hier überholt mich der erste WIRKLICH schnelle Zeitfahrer, der auch gleich viel schnittiger aussieht. Zeitfahrhelm und Scheibe. Teamtrikot.

Oben auf der Straße hole ich tief Luft: Hier habe ich gelebt. Hier bin ich aufgewachsen, diesen Weg nahm ich täglich zu Schule. Keiner kennt sich so gut aus wie ich! Ich lasse mich in diesem Glauben. Es können nur noch wenige Kilometer sein und es geht nur noch bergab. Wenn mir jetzt die Schenkel platzen, ist das egal. Vollstoff!

So habe ich meine Heimat noch nie gesehen. Völlig autofrei, ich auf der großen Straße. Da kommt Christkönig, jetzt geht es zur Billinganlage im Sturzflug, unten die Kurve beachten... Wahnsinn. Stadthalle, Rathaus, alles wie im Flug. Auf den letzten Metern duelliere ich mich noch mit einem älteren Herrn. Jaja, die alten Recken sind zäh, das merke ich im Trainingslager immer wieder. Stadttheater! Da vorne das Ziel. Wir fahren gemeinsam ein, rollen aus. Ein Lächeln, ein Handschlag, Gratulation! So stelle ich mir die Stimmung beim Rennen vor. Medaille, Transponder zurück, warten auf den Rest vom Team. Anne kommt nur wenige Minuten nach mir, Martin und Basti lassen auch nicht lange auf sich warten. Wir sind fertig - aber glücklich.

Epilog: Unsere Zeiten differieren nicht stark; wir Männer sind alle einen 34er Schnitt gefahren, haben zirka 58 Minuten gebraucht, liegen alle um den Platz 400. Anne hat knapp über einer Stunde gebraucht. Jens Voigt übrigens 38 Minuten. Als Team haben wir Platz 24 von... äh... 24 Teams belegt.

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In den nächsten Stunden genießen wir noch den Rummel um die Profis. Jens Voigt zum Anfassen, Zeitmaschinen vom feinsten, Specialized, Cervelo, Trek, Giant - uns fallen die Augen aus dem Kopf. Mampfen, während wir den Teams beim Aufwärmen zusehen. Hat was.

Und meine Vision vom Sturz? Die hätte Ete Zabel fast wahr gemacht. Er schlingerte beim Start so heftig nach links zur Seite, dass allen der Atem stockte. Also echt: Wo ist denn da das Problem so 'ne kleine Rampe runterzufahren? ;)

Kurzinfo: Giant Time Trial 2007
Rennart: Zeitfahren
Dachveranstaltung: college writing from paragraph to essay teacher book ; http://corason.com/
Austragungsort: Fürth, Bayern
Strecke: 33 Kilometer
Teilnehmer: Ca. 500 Finisher
Veranstalter: Upsolut Sports AG
Website: writing thesis
 
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