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Radler erobern Hamburg
Samstag, 1. September 2007
ImageDie Vattenfall Cyclassics - innerhalb einer Woche waren 22.000 Startplätze verkauft. Was ist an dieser Veranstaltung anders? Ich war schon sehr gespannt. Bereits am Samstag, dem Vorabend des Rennens sah man überall in Hamburg Autos mit Fahrrädern auf dem Dach, es war schon ein ungewöhnlicher Anblick, der sich hier bot. Am Sonntag ging es weiter, im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen war es einfach mehr. Mehr Radfahrer, mehr Absperrungen, einfach mehr Aufwand. Ich hoffte, dass die negativen Eigenschaften eines Jedermann-Rennens hier nicht auch mehr wurden.
Die Informationen auf der Internetseite der Veranstaltung waren sehr gut, den Fahrern  wurden auch Hinweise zum Verhalten und Tipps für das Rennen mitgeteilt. Die gefahrenen Jedermänner hätten sich besser an die 10 Gebote gehalten, die ihnen im Vorfeld mitgegeben wurden, es wäre viel weniger passiert. Bei den Cyclassics konnten die Teilnehmer zwischen drei verschiedenen Streckenlängen von 55, 100 oder 155 km wählen.

Die Aufstellung erfolgte auf verschiedenen Straßen, um das Ganze zu Beginn etwas zu entzerren. Für die ersten der etwa 20.400 Fahrer/innen ging es um 8:00 Uhr los. Die letzten Starter waren noch nicht unterwegs, da wurde auf der Mönckebergstraße schon der Sieger der 55 km Strecke bejubelt.

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19.400 Teilnehmer/innen erreichten insgesamt das Ziel.

Entlang der Aufstellung waren viele Teilnehmer damit beschäftigt, an ihren Rädern oder der Ausstattung zu arbeiten. Hier waren es defekte Reifen, dort wurden Schuhe neu eingestellt. Alle paar Minuten hörte man wieder einen Reifen platzen. Erinnerungsfotos mit Freunden und Familienmitgliedern wurden geschossen und letzte Schlachtpläne für das Rennen geschmiedet, Zeit war ja genug da.

Linksfahrer und Drängler

In allen Startblöcken gab es Fahrer, die auf Biegen und Brechen nach vorne fahren wollten. Zwangsweise trafen sie unterwegs auf viele Fahrer, die nur wegen der Atmosphäre bei dieser Veranstaltung waren, das konnte nicht gut gehen. Die einen beschwerten sich über zu langsame Fahrer, die nicht rechts fuhren und die schnellen behinderten.

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Die anderen hatten ihre Sorgen mit den Dränglern, die ohne Rücksicht auf Verluste über die Straßen Hamburgs jagten. Viele Stürze im Verlauf der Veranstaltung waren zu beklagen. Das Ganze erinnerte an einen ganz normalen Sonntag auf einer Autobahn in Deutschland. Drängler und notorische Linksfahrer, es scheint uns im Blut zu liegen. Wie im richtigen Leben also, da hält sich auch kaum jemand an die 10 Gebote.

Der Veranstalter hat alles Mögliche getan, um die Teilnehmer auf mögliche Gefahrenpunkte hinzuweisen. Er kann sie nicht zwingen zuzuhören oder die Informationen zu lesen. Natürlich ist es nicht einfach, im Jubel von 800.000 Fans auf das Winken zu verzichten. Wer sprintet nicht, wenn er mit mehreren Fahrern auf die Zielgerade kommt und lautstark angefeuert wird?

Bei einem solch großen Teilnehmerfeld wird es immer Probleme geben, das lässt sich gar nicht vermeiden. Ich hoffe, die Veranstalter lassen in den kommenden Jahren nicht noch mehr Starter bei den Cyclassics zu, die Kapazitäten sind erschöpft. Fast 21.000 Starter sind grenzwertig, mehr wäre unverantwortlich. Es ist schön, wenn die Startplätze innerhalb weniger Tage ausgebucht sind, das zeigt die Begeisterung der Teilnehmer.

Die Vattenfall Cyclassics sind ein wirkliches Jedermann-Rennen. Hier war alles vertreten, vom teuersten Edel-Bike bis zum Alltagsrad. Vom Design-Trikot bis zum Unterhemd. Die Fahrer der T-Mobile Cyclingtour ebenso wie Familien und Kegelklubs. Doch ist es wirklich sinnvoll, Hamburg in die Wertung der T-Mobile Cyclingtour einzubauen?

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Einige der führenden Fahrer/innen wurden in hintere Startblöcke eingeteilt, da sie zum ersten Mal in Hamburg fuhren. Das ist laut Regelement vollkommen in Ordnung und dient auch einer groben Einteilung der Startblöcke. Allerdings hatten Fahrer/innen in den hinteren Startblöcken keine Gelegenheit, in die Entscheidung einzugreifen und verloren viele Punkte für die Gesamtwertung.

Eine Lösung wäre hier die letztjährige Gesamtwertung der T-Mobile Cyclingtour, sowie den aktuellen Stand der Gesamtwertung bis vier Wochen vor dem Rennen zu berücksichtigen. Das sollte für den Veranstalter möglich sein.

Teilnahme aus Spaß am Fahren


Nur ein geringer Teil der Jedermänner und Jederfrauen kämpfte allerdings um den Sieg oder eine Platzierung, die meisten fuhren aus reinem Vergnügen und das hatten sie auch. Hier wurde die Rangordnung in der Familie oder kleinere Duelle unter Freunden ausgetragen. „Warum bist du auf den letzten Metern so schnell gefahren?“, „ich habe es dir einfach nicht gegönnt, dass du besser bist als ich“ war die mit einem Augenzwinkern begleitete Antwort einer Unterhaltung im Ziel.

Es geht bei den Cyclassics nicht wirklich um den Sieg, für 90 Prozent der Teilnehmer zählt das Erlebnis, der Spaß am Fahren. Mehr Fans, mehr Transparente gibt es bei keinem anderen Jedermann-Rennen in Deutschland. Nicht nur die Zielgerade dröhnt, wenn die Fahrer ankommen, die Schleife durch die Hamburger Innenstadt prägt sich den Fahrern ein, niemand wird sie je vergessen. Der älteste Teilnehmer war übrigens 84 Jahre alt, die älteste Teilnehmerin 77.

Auch sie kamen gesund und munter im Ziel an.

Nicht nur deutsche Teilnehmer waren am Start. Viele Nationen beteiligten sich am fröhlichen Wettstreit auf Hamburger Straßen. Edwin van Zomeren aus Hilversum in den Niederlanden hat gemeinsam mit einem Radsportfreund die 155 km bewältigt. Er fuhr in Hamburg, um Spaß zu haben, und den hatte er. Gewonnen hat er nicht, doch es waren noch Tausende Fahrer hinter ihm.

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Von der Anzahl der Teilnehmer war er ebenso beeindruckt wie vom organisatorischen Aufwand. Die lange Anfahrt nach Hamburg hat er nicht bereut, schon wegen der Stimmung entlang der Strecke hat es sich für ihn gelohnt. Seine Meinung steht für die meisten Teilnehmer: „Es war ein Erlebnis“.

Die Sicherheit für Fahrer und Zuschauer stellte auch ein großes Problem für den Veranstalter da. Er hat es gut gelöst. Ein Überqueren der Straßen war teilweise unmöglich, über Stunden trafen Fahrer am Ziel ein. Größere Lücken waren eine Seltenheit. Wo es möglich war, wurden Übergänge geschaffen, Stress pur für die Helfer an der Strecke. Vielfach wurden U-Bahn Haltestellen genutzt, um unter der Strecke auf die andere Straßenseite zu gelangen.

Originell war eine vom Veranstalter aufgebaute Brücke unmittelbar hinter Start und Ziel. Am Ballindamm sah es jedoch schlecht aus, hier gelangte kein Zuschauer auf die andere Seite. „Fahren Sie mit der U-Bahn eine Station weiter oder warten Sie, bis das Rennen zu Ende ist!“ konnte der freundliche Helfer nur raten.

In Hamburg trafen die schnellen Fahrer der T-Mobile Cycling Tour im vierten Rennen innerhalb einer Woche auf ausgeruhte siegeshungrige Gegner. Sie waren im Zielbereich froh, dass diese harte Woche hinter ihnen liegt. Sieben Veranstaltungen alleine im August, das zehrte an den Kräften.

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Im Wettbewerb der 55 km Strecke siegte bei den Männern Henning Fründt vor Michael Praßler und Sven Dudszus. Schnellste Frau war Christina Lütke, Zweite wurde Astrid Schatmüller, Dritte Ninetta Koswig. Den Sieg auf der 100 km Strecke holte sich bei den Frauen Regina Marunde vor Telse Faust und Michaela Wageneder. Bei den Männern gewann Stephan Ellenrieder; er verwies Kai Lorenz und Jens Schnitzler auf die Plätze.

Den Erfolg in der Königsklasse über 155 km holte sich Thomas Scherf vor Thomas Kapuske und Gerad Buder. Bei den Frauen behielt Sarah Berndt die Oberhand. Hinter ihr fuhren Julia Heitmann und Sybille Werner auf die Ränge zwei und drei.

Viele neue Namen unter den ersten Drei. Die Sieger und Platzierten wurden mehrfach über Lautsprecher genannt und beglückwünscht. Eine Siegerehrung gab es jedoch nicht. Es war auch gar keine Ehrung vorgesehen. Schade, für Startgelder von 53,50 Euro bis 64,50 Euro, je nach Strecke, hätten die Veranstalter zwischen den Durchfahrten der Profis die Lücke so gut füllen können.

Neue Ideen bei der Transponderabgabe


Bei der Transponderabgabe wurde es dann noch einmal richtig voll. Die Fahrer/innen wurden vom Ziel aus sehr gut zum Abgabeplatz geleitet. Teilweise sehr lautstark, ich dachte sofort an den Fischmarkt. Aber es wirkte, die Fahrer hörten auf diese lauten, klaren Anordnungen und wagten erst gar nicht, sich anders zu verhalten.

Neben acht festen Abgabestellen gab es auch noch mehrere mobile Möglichkeiten. Die Abgabe erfolgte schnell, die Helfer waren gut vorbereitet und ausgestattet. Bedingt durch die hohe Teilnehmerzahl bildeten sich teilweise längere Schlangen vor den Tischen, die mobilen Abgabestellen wurden von vielen Fahrern übersehen, obwohl sie gut zu erkennen waren.

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Christin Harms war einer der mobilen Helfer. „Die Rückgabe ist ziemlich einfach. Wenn die Fahrer zu mir kommen, entferne ich den Transponder am Lenker, falls er noch befestigt ist. Dann bekommt der Fahrer eine Quittung mit seiner Startnummer und hat schon alles erledigt. Die Transponder werden später gesammelt und gelöscht.“

Gegen 15:00 Uhr wurde es leer auf dem Platz der Transponderabgabe, die Helfer waren erschöpft, hatten aber gute Arbeit geleistet und viel zum Erfolg der Veranstaltung beigetragen.

Die Cyclassics in Hamburg waren eine beeindruckende Veranstaltung. Die Organisation war sehr gut und durchdacht. Natürlich sind Startgelder von bis zu 64,50 Euro sehr hoch, doch wenn die Startplätze schon nach einer Woche ausgebucht sind, halten die Teilnehmer sie wohl für gerechtfertigt. 

Falls die T-Mobile Cyclingtour auch in den kommenden Jahren integriert werden soll, ist es unbedingt notwendig, die Startblockeinteilung zu verändern. Sonst entstehen Wettbewerbsverzerrungen, die nicht sein dürfen.

Für die Fahrer waren die Cyclassics ein Erlebnis, für den Schreiber dieser Zeilen auch.  (ws)
 
http://essaytop.technology/   http://www.attanslot.cz/

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