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Eine Stunde Romantik, zehn Stunden Leiden
Donnerstag, 9. August 2007
Arber Radmarathon 2007

“PTFFFF - HAHAHA!” - Zwei Dinge sind bei der Startaufstellung eines Radrennens sicher. Erstens: Einer macht das Geräusch eines platzenden Schlauches nach und lacht sich schief. Zweitens: Vor dem Start läuft die Melodie aus Rocky.



Ehrlich gesagt, habe ich die starke Vermutung, dass es irgendwo auf der Welt einen - jetzt enorm reichen - Menschen gibt, der diese eine, tausendfach verkaufte Wettkampf-CD zusammengestellt hat. Mit allen Titelmelodien von Rocky, diversen Bon Jovi-Nummern und natürlich “We are the champions”.

Der Leser darf mich nun gerne dafür verurteilen, dass ich morgens um sechs weder den nötigen Humor, noch den passenden Musikgeschmack aufbringe, der dieser Situation angemessen wäre. Schon gar nicht, wenn mich der Wecker bereits um 4:15 Uhr (ich konnt’s kaum glauben!) aus dem Bett geworfen hat.

Hier steh ich also - mit tausenden anderen Pedaleuren. Beim Start des Arber Radmarathon auf dem Dultplatz in Regensburg. Arber Radmarathon, das heißt 243 km und 3.300 Höhenmeter. Komisch: Nach 243 Kilometern fühle ich mich aber irgendwie gar nicht…

Kein Startschuss, der Start wird einfach freigegeben. Und auch das ist stets gleich: Erst klicken alle ein, fahren an, dann geht es nicht weiter. Alle klicken wieder aus. Es wird ein trauriges, einbeiniges Tretrollern, bis sich das Feld so weit verteilt, dass normales Fahren möglich ist.

Auf der Hauptstraße zieht sich das Peloton in einer leichten Links-Kurve auseinander. tausende Fahrer - aufgezogen an einer Perlenkette. Die Sonne geht glutrot auf; die Alufelgen reflektieren das Licht, verschmelzen zu einem langen orangefarbigen Band. (Dem gewitzten Leser ist es sicherlich gleich aufgefallen: Bei diesen Zeilen handelt es sich um die im Titel versprochene eine Minute Romantik, die ich verspürt habe. Er kann sich daher nun sicher sein, dass die folgenden Absätze ausschließlich vom Leiden auf zwei Rädern handeln.)

Irgendwie werden die Beine nicht locker. Schon auf den ersten, recht flachen 60 Kilometern tue ich mich ungewöhnlich schwer. Dann das: der erste kleine Anstieg. Ich erinnere mich an das, was ich mir vorher eingebläut habe: “Immer auf das kleine Blatt im Berg!” Also runter. “KLACK” - ich trete ins Leere. Das darf nicht wahr sein! Nicht mir! Nicht dieser Anfänger-Fehler. Doch: Die Kette ist runter. Was für eine Schmach.
Nittendorf ist groß.

Das Gelände ist nun wellig. Jede kleine Rampe zerreisst das Feld mehr. Es bilden sich Grüppchen, die ab jetzt mehr oder weniger untereinander bleiben. Deja Vués gibt es bei einem Radmarathon am laufenden Band. Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Mountainbiker mit der Cofidis Hose überholt habe. Oder den Stevens-Fahrer, dessen Klickpedale im Wiegetritt quietschen. Überhaupt hat man ständig die selben Leute um sich: Zum Beispiel die SG Nittendorf - der Verein muss riesig sein…

“Immer gut ernähren”, denke ich mir. Doch leichter gesagt als getan, denn - dieses unschöne Detail darf nicht unerwähnt bleiben (empfindliche Gemüter dürfen drei Zeilen weiterspringen) - ich habe Blähungen. Fiese Blähungen. Unterleibsschmerzen. Zu allem Überfluss muss ich mir von den Mitfahrern einiges Anhören “HAHAHA, der zündet den Turbo!” - “Hast nen Nachbrenner dabei?” - “Immer raus damit! Hohoho!”

Da liegt er, der große Arber. Bei Kilometer 90 baut er sich drohend vor uns auf - oder versucht es. Denn verglichen mit den Alpen wirkt er weniger spektakulär. Allerdings: Weiter oben hängen schwere, dunkle Wolken. In die müssen wir nun also alle hinein.

Die Steigung bleibt die ganze Zeit moderat, erreicht nie den zweistelligen Prozentbereich. Oben geht es eine ganze Weile gerade. Und hier, ja hier ist es richtig kalt. Mit meiner Kleidung war ich auf 15-20 Grad eingestellt. Das reicht nicht. Die rauschende Abfahrt gerät zum persönlichen Schockfroster.

Unten die nächste Verpflegung. Da kann man nicht meckern. Das ist einfach top organisiert. Genau sowas bringt die Moral wieder hoch. Käsebrötchen? Geil! Iso, Bananen, alles da. Direkt danach: Der nächste Berg. Ebenfalls erträglich von der Steigung her. Oben zieht Nebel auf, es ist dennoch nicht ganz so kalt wie auf dem Arber. Wieder runter. Berge, ich mag sie einfach - noch! Es geht wieder hoch.

Bei Kilometer 170 liegt die nächste Verpflegung. Meine Unterleibsschmerzen sind kaum auszuhalten. Zu allem Überfluss gießt es mittlerweile aus Eimern; es geht ein kalter Wind. Hier lieber Leser, genau hier kommt der Augenblick, in dem ich für eine Millisekunde über das Aufgeben nachdenke, mich dann aber doch für das nächste Dixie-Klo entscheide. Fortan geht es mit den Schmerzen im Bauch halbwegs.
Ein Recht auf Abfahrten

Irgendwann habe selbst ich genug von Anstiegen. Nämlich dann, wenn sie nicht enden wollen. So ist es vor Saulburg, der letzten Verpflegungsstelle. Ich kann es kaum glauben: Das Ding nimmt kein Ende. Ich werde trotzig: Hat der Radfahrer nicht ein Recht auf seine Abfahrt? Singt nicht schon Tom Petty “What goes up, must come down”? Ich will meine Abfahrt und ich will sie JETZT! Ich habe sie verdient, verdammt!

Nichts da. Es geht weiter hoch, diesmal auch mit 12 Prozent. Ewig. Wenigstens hat es aufgehört zu regnen.

Endlich in Saulburg. “Jetzt haben wir es geschafft!” Mein Begleiter Jörg und ich, wir sind uns sicher: Das war der letzte Anstieg. Es entlockt mir schließlich nur noch ein verzweifeltes Auflachen, als nach Saulburg direkt eine Rampe beginnt. Ich bin über den Punkt hinaus, wo mich noch irgendwas kaputt machen kann.

Danach geht es tatsächlich flach weiter. Nur noch etwa 45 Kilometer, und das in einer kleinen Gruppe, die gut läuft. Was kann jetzt noch kommen? Ach ja: Regen. Bei Kilometer 220 schüttet es aus allen Rohren. So stark, dass die Gruppe immer kleiner wird. An jedem Bushalte-Unterstand verlieren wir zwei Fahrer. Irgendwann verkriechen Jörg und ich uns ebenfalls - im Hause des Herren. Wir warten ab, bis der Regen nachlässt. Und siehe da: Plötzlich kommen alle wieder herausgekrochen. Die selbe Gruppe formiert sich automatisch wieder. Ich führe eine Weile, 32 km/h soll das Gruppentempo etwa sein. War es bisher so, dass man die anderen zur Mitarbeit zwingen musste, kommt nun sogar von hinten das Angebot zum Führungswechsel (danke nochmal, das war echt in Ordnung).

So rollen wir nach Regensburg. Die Sache ist durch. Fünf Kilometer vor dem Ziel müssen wir auf die Radwege. An hohes Tempo ist jetzt nicht mehr zu denken. Aber wozu auch? Wer hier noch Tempo machen will, der hat in den Bergen zu wenig gegeben.

Die Überraschung dann im Ziel: KEIN “We are the Champions”. Ehrlich gesagt habe ich nie einen unspektuakuläreren Zieleinlauf gehabt. Wir sind einfach nur angekommen. Dreckig, nass, glücklich.

Das war’s. Happy End.
Abspann

Oh ja, die Danksagungen :) Also:

Erstmal Jörg - super Idee mit dem Radmarathon. Alter Edel-Domestike!

Danke an die Helfer beim Radmarathon. Das war top organsiert. Vor allem an den Kreuzungen: sicherer geht es nicht bei so einer Veranstaltung. Auch sonst alles perfekt.

Danke an die Polizei, die wirklich Helfer war. Zwar zwingt sie einen in Regensburg auf die Radwege, lotst dann aber - wenn die Straße frei ist - die Fahrer unkompliziert über die Kreuzungen. Auch die Motorräder haben für Sicherheit gesorgt. Super!

Schließlich: Die Gruppe zum Schluss. Das hat doch gut harmoniert! Freut mich.

Stephan Goldmann

 
Full Article   http://www.formstelle.de/

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