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Sardinien – Biking im Nuraghenland
Samstag, 9. Januar 2010

Sagenhafte Trails auf „Gottes kleinem Kontinent“

ImageSardinien ist nicht nur sagenhaft, sondern auch sagenumwoben...:
Als der „Liebe Gott“ die Schöpfung fertig gestellt hatte, war ihm noch ein wenig an Gestein und Gestrüpp verblieben. Dies warf er alsdann ins Meer und trat es mit einer flammenden Sandale fest. So formte er einst das Vulkanland Sardinien – „Ichnusa“ (altgriechisch für „Fußabtritt“).

Indem er von allem bisher Geschaffenen etwas Besonderes weg-, sodann diesem Eiland behutsam hinzudachte, vollendete Gott nach und nach sein letztes Meisterwerk: weite Flächen mit tief eingeschnittenen Schluchten waren entstanden, immergrüne Wälder mit Mastixsträuchern, Kork- und Erdbeerbäumen, auch Palmen, Safranfelder und Olivenhaine; dichtbewachsenes Weideland für Schafe, Ziegen und Kühe, stille Flüsse mit fischreichen Gewässern, wilde Sturzbäche an bizarren Felsformationen neben einzelnen, grob umherliegenden Gesteinsbrocken, und nicht zuletzt windgeschützte Buchten für Seefahrer....
So nun besagt es die Legende.

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Denkt man an die zweitgrößte Mittelmeerinsel, hat man tatsächlich primär türkisblaues Wasser an meterhohen Sanddünen strandend vor Augen; es sind Gedanken an Küstenregionen, wo sich teils prunkvolle Häfen mit kleinen Badeörtchen und Fischerdörfern abwechseln. Reizvoll ist vor allem jedoch das Landesinnere, dem sich die Sarden als Nicht-Seefahrervolk schon seit jeher mehr zuwandten. Majestätisch die Hauptkulisse der spektakulären Inselvielfalt, die man per Mountainbike wohl so differenziert wie kaum ein anderes Eiland durchqueren kann.

Rund um den mit 1.834 m höchsten „Punta La Marmora“ präsentiert sich im Gennargentu-Gebirge eine abwechslungsreiche Seen-, Fluss- und Gebirgsformation inmitten der längsten und größten Schlucht im mediterranen Raum: spätestens dort fühlt man sich als Biker im Garten Eden angelangt...

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Sardinien ist für uns Biker pure Urwüchsigkeit: ein Land mit Tausenden von Singletrails und verwundenen Bikepfaden, das einem seine Landschaft in steter Wechselfolge teils total verschließt, teils großzügig freigibt: als Labyrinth von Schmalwegen, umsäumt von dornigem, Spitzkehren versperrendes Gestrüpp, wo der flowige Walddownhill nicht selten mit spaßreichen, kniffeligen Slalomfahrten durch ausgewaschene Rinnsale überrascht. Flussbettpassagen, die man in der Costa Verde gleich 21-mal durch diffizil glitschiges Gestein kreuzt, Wege mit hochalpinen Charakter wechseln mit sanften Höhenrücken. Anstrengende kurze Klettereinheiten findet man genauso wie alte, ehemalige Schienenstrecken einst verlaufener Eisenbahnlinien. Diese bescheren dem Biker, vorbei an nostalgischen Tunnels, eine ungewöhnliche Streckenführung bei erhabenen, unverwechselbaren Blicken ins Hügelmeer.

Keiner dieser Wege ist markiert oder etwa ausgeschrieben, steht doch Sardinien noch immer am Anfang einer touristischen Bike-Sensation; dort schätzt man einen Insider an seiner Seite mehr denn je, dort wird der sich öffnende Trail zum Faszinosum, so wird das einem frisch zuteil gewordene Guiding zur dankbar angenommenen Erweiterung des Bikehorizonts...

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Sardinien ist auch ein historisches, riesiges Freilichtmuseum: hier biked man entlang einer kaum überschaubaren Vielzahl an beeindruckenden Kirchen, Tempel und sog. Nekropolen in Form von kolossalen Felsen- und Gigantengräberorten. Knochenfunde sind wertvolle Zeitzeugen von Besiedelung sogar bis vor 300.000 Jahren. Stets ist allgegenwärtig, dass Sardinien neuzeitlich seit dem im 6. Jhdt. v. Chr. einsetzenden „punischem Zeitalter“ wie kaum ein anderes Land vielen wechselnden Kulturen ausgesetzt war und geprägt ist von Einflüssen immer neuer Eroberer: hauptsächlich Römer, Byzantiner, Araber, Spanier und Italiener beeinflussten das Land.

Und doch scheint der sardische Stolz nicht gelitten zu haben; die Sarden bewahrten trotz historischer Schwierigkeiten ihre Identität, sie verfügen nicht nur über spezifische Dialekte, sondern über eine eigene, dem Latein sehr verwandte, markante Sprache, die immerhin noch 80% aller Sarden beherrschen. Auch die Brauchtumspflege in Form von Trachten, Volksfesten, Prozessionen und ca. 1.000 landestypischen Feierlichkeiten ist den Sarden ebenso eigen, wie deren Erhabenheit: denn der Sarde, so sagt man, beugt den Kopf nicht gern.
Er pocht auf seine Unabhängigkeit und er lebt seine Gelassenheit nach dem Motto: „kentu konkas, kentu berittas“ („Hundert Köpfe, hundert Mützen“ im Sinne von „leben und leben lassen“)

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Die ganze Insel beherrschend findet man als DIE prähistorischen Zeitzeugen schlechthin im Schnitt alle drei Quadratkilometer eine Nuraghe: diese Nuraghen gelten in Art und Umfang als einzigartig, sie sind die größten und besterhaltenen megalithischen Denkmäler in ganz Europa. Bis heute hat man noch keine Lösung für das Rätsel ihrer Existenz gefunden. Die gleichnamige mystische Nuraghen-Kultur dauerte mehr als 1.000 Jahre und blieb zunächst auch von späteren Besatzern im Kern unangetastet.

Doch wozu genau dienten nun ursprünglich die imposanten Steinwehrbauten mit mehreren kegelförmigen Türmen, die zahlreich – bis zu 8.000 Stück, einst wohl an die 20.000 ! – errichtet wurden. Kreisförmig angelegt, ohne Mörtel befestigt, seit bald 4.000 Jahren schon vorhanden. Wie nur gelang es den Nuraghern,  die tonnenschweren Gesteinsblöcke von „Su Nuraxi“ auf eine Höhe von 20 Metern aufzutürmen? Warum waren, – und wie wurden die Kolossbauten nahezu allesamt nach deren Zerstörung großflächig mit Erde überdeckt? War Sardinien einst Teil der „Säulen des Herakles“? Ob es sich hierbei gar um das legendäre ‚Atlantis’ handelt, das Platon dereinst vermutete?

Riten und religiöser Bezug, Zweck und Funktion der Nuraghen bleiben allesamt mysteriös. Fest steht, dass im Gegensatz zum heutig rückständigen Sardinien hier die am höchsten entwickelte Bronzekultur des Mittelmeerraumes vorherrschte. All dies sind Fragen und Fakten, die sich dem Betrachter der steinernen Bollwerke stets aufs Neue mit Nachdruck präsentieren; dann mit willkommenen Bike-Stopps, da meist auf einer Anhöhe, immer im schwer zugänglichen Gelände errichtet.

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Die Trails und Pfade, die sich vor allem durch die Hochebenen ziehen, wurden einst und bis heute von den Hirten genutzt, wenngleich nun das Geländemotorrad dazu dient, nach den Herden zu schauen. Sitzt man entspannt beim Bike-Picknick und flirrt die Mittagshitze über den ausgebleichten Kalksteinen, während man lediglich das Surren der Zikaden vernimmt, kann man sich gut in die Zeit versetzen, als weniger das Fernsehen oder die Moderne, sondern vielmehr als Tradition, so auch das Glöckchengeläut vieler Ziegen und Schafe nicht nur die Hochebenen  beherrschten. Dann scheint die Zeit stillzustehen. Dann blüht die Phantasie über ein archaisches Sardinien dereinst, vor allem im unwegsamen Gebiet des Supramonte-Gebirges in der Barbagia, einem riesigen weißen Felsenhochplateau mit seinen vielen Höhlen, die noch immer voller dunkler Geheimnisse scheinen. Heutzutage hat Sardinien mit Landflucht zu kämpfen, viele Junge zieht es ins Ausland, die traditionelle Landwirtschaft kann nur noch wenige gut ernähren. Heute kommen auf einen Sarden rechnerisch vier Schafe, wobei das Land gut ein Drittel der Größe Bayerns bei einem Zehntel an Einwohnerschaft aufweist.

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Mit am deutlichsten spürt der Biker die Abwanderung in der Costa Verde: die grüne Südwestküste ist durchzogen von einem Wegenetz im Bergbauland, was sich die Natur sichtbar zurückholt: wo einst Blei, Eisen, Kupfer, Zink und Silber die Begierden fremder Mächte weckten, wo im Kaiserreich zur Christuszeit Sklaven reichlich Kohle und Metallerze abbauten, wo unter Mussolini und noch bis in die 50er Jahre zehntausend Bergleute in der Bergarbeiterstadt Carbonia beschäftigt waren, biked man heute menschenleer, vorbei an zerfallenen Ruinen, wie denen von Ingurtosu in einem abenteuerlichen, grandiosen Trail abwärts zu den Sanddünen. Hier gewinnt nach langer Zeit die Landschaft wieder die Vorherrschaft über den Bergbau und dessen Strukturen: Margariten strahlen in reinem Weiß, gelb flammender Ginster leuchtet neben feuerrotem Klatschmohn, und nicht selten erspäht der Biker einen prächtigen Hirsch vom Cockpit aus.

Das sagenhafte Land Sardinien steht nicht zuletzt auch für „sagenhaft Schlemmen“...! Für Feinschmecker ist das Leben in Sardinien ein Genuss. Kein Wunder, dass der Biker, der am Agriturismo-Bauernhof gastiert, so dann auch zum Feinschmecker wird. In Sardinien wird "frisch" gekocht: mit den Zutaten der Jahreszeit, des Landes wie des Mittelmeers.
Da locken viele Sorten von duftendem Brot frisch aus dem Ofen, herzhaftes Fleisch am Spieß, über dem offenen Feuer gebratene, fangfrische Meeresfrüchte, geräucherter Wildschweinschinken, variantenreicher Pecorino sowie Obst und Gemüse direkt vom Garten – dazu ein vollmundiger Wein.
Nirgendwo übrigens leben mehr 100-Jährige als auf Sardinien – und, wie eine Studie bewies: es liegt nicht an den Genen, sondern an der einfachen Lebensführung. Wohl daher stammt auch das Sardische Sprichwort: „Sa domu est minore, sa coru est mannu” (das Haus ist klein, das Herz ist groß). Sardische Genügsamkeit tut gut!

Ich schließe die Augen und meine Gedanken streifen zurück. Die Küste..., die Berge..., die Nuraghen..., diese Trails...! Sardische Kost...? Mein Herz pocht, und mein Appetit nach einer Rückkehr ist riesengroß!

Autor & Bildmaterial ©2010, M.Wössner
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Info:

Bikereise Sardinien

Die Bikereise „Inselcross von Küste zu Küste“ mit 9 Tagen Sardinien- Biking wird von Chiemgau Biking® im Guiding zusammen mit Hauser exkursionen itl. ab 2010 im kompletten Landarrangement inkl. Transfers, mit Gepäckservice bei überwiegend Vollpension ab EUR 1.250,- angeboten:

Frühjahr:      22.04. – 30.04.2010
Herbst:         08.10. – 16.10.2010

Unterkünfte in ausgewählten feinen Agriturismo-Betrieben und charmanten Hotels.
Mindestteilnehmerzahl dieser Bikereise: 8 Personen

Info per Telefon:     08051.961.497.-2 / -3 
Info per Mail:      Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

 

Empfohlene Literatur:

 ADAC Reiseführer Sardinien, ADAC Verlag GmbH, München; ISBN 978-3-89905-500-9

 HB Bildatlas Sardinien, broschürt, HB-Verlag, 2. Auflage 2006, Ostfildern; ISBN 978-3616061702

 Höh, Peter: Sardinien, 5. Auflage, 2008, Reise Know How Verlag, Bielefeld; ISBN 978-3-8317-1668-5

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Geschichtstafel Sardiniens

● 300.000 – 150.000 v. Chr.

Knochenfunde und Steinwerkzeuge weisen Menschen auf der Insel bereits zur Altsteinzeit nach.

● 6.000 – 2.500 v. Chr. Aus der Jungsteinzeit datieren Keramik¬funde, Idole, Gefäße aus Stein und Steinbeile.

● 1855 – 238 v. Chr. Die Nuraghenkultur prägt Sardinien nachhaltig. Die Blütezeit währt zwar nur von 1800 bis 900 v.Chr., aber auch nach dem Erscheinen der Phönizier und der Karthager lebt die Kultur auf der Insel weiter.

 ● Mitte des 6. Jhdt v. Chr. Die Punier hatten Sardiniens Süden und Westen unter ihre Herrschaft gebracht und die Versuche einer griechischen Besiedlung unterbunden.

● 238 v. Chr. Sardinien wird zur Römischen Provinz.

● ab 534 n. Chr. Die Byzantiner befreien Sardinien von den afrikanischen Vandalen; die Insel gehört nun zum Oströmischen Reich.

● 704 n. Chr. Die Sarazenen, Muslime arabischer Herkunft, nehmen wiederholt ca. 200 Jahre die Insel ein

● 9./10. Jhdt. Sardinien zerfällt in 4 Territorien (Judikate), die von sardischen Adeligen (Judices oder Richtern) regiert werden.

 ● ab 11. Jhdt. Die Seerepubliken Genua und Pisa machen wirtschaftliche & politische Hegemonieansprüche geltend.    ● 1239 Der röm.-dt. Kaiser und Staufer (auch König von Sizilien) Friedrich II. („stupor mundi“) ernennt seinen nichtehelichen Lieblingssohn Enzio zum König von Sardinien, woher der Status der Insel als Königreich herrührt

 ● 1297 Der Papst überträgt König Jakob von Aragonien die Lehnsherrschaft. Es kommt zu Aufständen und Unruhen gegen dieverhassten Fremdherrscher.

 ● 1297 Eleanora d’Arborea, die als ’Richterin’ 20 Jahre erfolgreich gegen die Aragonier kämpft, erlässt mit der Carta de Logu ein  damals sehr fortgeschrittenes Zivil- u. Strafgesetzbuch, das bis 1827 in Kraft bleibt.

 ● 1478 Nach der Schlacht von Macomer haben die Aragonier die Herrschaft über ganz Sardinien. Während der Epoche der spanischen Herrschaft wird die Landbevölkerung zu Leibeigenen und verarmt immer mehr.

 ● 1720 Der Savoyer Viktor Amadeus II. erwirbt im Tausch mit den Habsburger Sardinien gegen Abgabe Siziliens: Das Königreich Sardinien-Piemont entsteht aus dem Herzogtum Savoyen-Piemont.

 ● 1760 Italienisch wird Schul- und Amtssprache

 ● 1820 Von einer Bodenreform (Erlass über Landeinfriedungen) profitieren vor allem reiche Bauern.       ● 1854 Giuseppe Garibaldi kehrt nach seiner Flucht aus New York nach Italien zurück, und unterstützt Piemont-Sardinien in einem weiteren Krieg gegen Österreich.

● 1861 Nach dem Zusammenschluss mit dem Piemont 1847 wird Sardinien Teil des italienischen Einheitsstaates.

● 1921 Die Sardische Aktionspartei wird gegründet; sie setzt sich für die Unabhängigkeit der Insel ein.

● 1948 Sardinien wird Autonome Region der 2 Jahre zuvor konstituierten Republik Italien.

● 1962 Eine internationale Finanzgruppe unter dem Vorsitz des Aga Khan gründet das Konsortium Costa Smeralda, das Kapital in die Schaffung einer großen tourist. Siedlung an der Nordostküste investiert. So entsteht der touristische Jet-Set der 60er

an der „Smaragdküste“.

● 12.06.2004 Gouverneur Renato Soru steht für 4 Jahre an der Spitze der Region Sardinien. (Der ehe-

malige Geschäftsmann gründete 1998 den Internetprovider Tiscali; Tiscali, benannt nach einer vorgeschichtlichen Siedlung der Nuraghenkultur im Gennargentu)

● 2005 Sardinien wird in acht neue Provinzen verteilt: Cagliari, Carbonia-Iglesias, Medio Campidano, Nuoro, Ogliastra, Oristano, Olbia-Tempio, Sassari.

 

 

 
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